Fronturlaub, Teil 02


Das Frontfenster wurde geöffnet und ein rundliches Gesicht, in das sich eine Pilotenbrille drückte, erschien. "Was kann ich für sie tun, Soldat, wissen sie nicht, was für ein Tag heute ist?" brüllte der Mann über das Zischen und Stampfen der Maschine hinweg
Ah, dachte Schramo, leichtes Spiel. Er deutete auf den gelben Streifen, der sich von seinem Kragen hinunter zu seinem Ellbogen zog. Es war immer gut, wenn man den Gegner in die Defensive zwingen konnte. Prompt wurde das runde Gesicht puterrot. "Oh, äh, ich bitte vielmals um Entschuldigung, Unteroffizier." Schramo lächelte zufrieden: "Ich weiß wohl, welcher Tag heute ist, und ich nehme an, dass wir den selben Weg haben. Daher wollte ich sie untertänigst darum bitten, mich ein Stück des Wegs mit zu nehmen." Er machte eine Verbeugung, über die man sich herzlich in den Kreisen, in denen man sich zu verbeugen pflegt, amüsiert hätte, die dem Mann im Rüster jedoch ungemein schmeichelte.
"Ich habe keinen Platz mehr hier im innern, aber ich biete Ihnen gerne den Steg an und ich versichere ihnen, dass er gut gepflegt ist."
Schramo mußte nicht lange überlegen, selbst wenn der Steg bei keinem Rüster der beste Platz war. Dazu mußte man wissen, dass der Steg ein kleines Brettchen auf der Rückseite des Rüsters war, der wohl ursprünglich auschließlich für den Ein- und Ausstieg gedacht gewesen war, der jedoch sehr schnell von den Bertis als zusätzliche Transportfläche entdeckt worden war. Daher hatten viele neuere der zivilen Rüster oberhalb der Stege Haltegriffe bekommen, die dazu beitrugen, die Verletzung durch unerlaubte Mitreise eines Mannes der Metrowacht zu verringern.
Schramo lief hinter den Rüster und zog sich auf den Steg, wo er sich gegen das Ruckeln des Starts wappnete.
Der Mann im Innern klappte die Versorgungsklappe herunter und schrie seinem Fahrgast zu: "Festhalten, es geht los," und mit einem lauten Pfeifen, einem Knirschen und einem Ruck setzte sich der Rüster in Bewegung.
Der Transport in einem Rüster war schon sehr gewöhnungsbedürftig - Schramo hatte ihn einmal in einem der großen Titan-Rüster miterleben dürfen - aber aussen, die Hände um die Griffe verkrampft, den Körper festgepresst an das warme Metall, durchgerüttelt mit jedem Schritt und das wummern der Kolben im Ohr, ...
Es war etwas, das er nicht so schnell zu wiederholen gedachte - ausser vielleicht, um zum Spiel zwischen Galgenberger Neustadt und der Gräberfelder Siedlung zu gelangen - dann jederzeit.

Mit viel ziehen der Dampfpeife und bestimmten Voranschreiten machte der Rüster gute Fortschritte auf dem Weg. Die einfachen Einwohner drängten sich zur Seite, manche mit Lippenbewegungen, die darauf hindeuteten, dass sie nicht die besten Wünsche für den Piloten übrig hatten. Die strammen Schritte setzten sich fort bis sie in die Gräberhöhe umrundet hatten. Denn hier stießen sie auf zwei neue Stahlbertis. Sie überragten das Dampfei an Höhe um mehr als einen Meter und an Eleganz um gute zwanzig. Im dunklen Grün der Metrowacht angestrichen glich auch die Form eher der eines Bertis. Sogar der Raupenhelm bedeckte den Kopf.
Mit hoch erhobender Hand, fast genau so wie Schramo es vor einigen Minuten getan hatte, stellten sie sich dem Ei in den Weg. Unsanft wurde der Unteroffizier heruntergeworfen, als der Pilot den Rüster zum Stehen brachte. Die Menge schloss sich sofort um ihn und strömte um die drei Dampfmaschinen herum, ohne ihre Wege zu kreuzen. Auch wenn ihn einige Tritte erwischten, war dies doch ein Glück, denn so konnten ihn die Metrowächter nicht mehr sehen und es gelang ihm in der Menge unterzutauchen, während sein Chauffeur wegen unerlaubten Fahrgasttransports aufgehalten wurde und wohl zu spät zum Spiel kommen würde.

Nun war er also wieder auf seine Füße angewiesen, aber der Weg war nicht mehr so weit und er brauchte sich eigentlich nur mit dem Strom treiben lassen, um zum Schaffotplatz zu gelangen.

Als er endlich nah genug an den Platz herankam, um etwas von den Spielern sehen zu können, lag der erste bereits nach einem Schlag gegen sein Schienbein auf dem Boden. Die Menge johlte, buhte und feuerte ihn an, wieder aufzustehen, was ihm aber erst nach gutem zureden durch seine kammeraden gelingen wollte, was mit hochrufen quitiert wurde.
Schramo drückte sich unter Protestrufen durch die Menge, die den Platz füllte, um in eine Seitenstrasse zu gelangen. die ersten fünf Fenster waren bereits geschlagen worden, als er endlich sein Ziel erreichte. Die Menschen - ein oder zwei Dämonen hatte er auch schon gesehen, ganz sicher konnte man sich da ja nie sein - drängten selbst noch in den Zufahrten, in der Hoffnung, weiter auf den Platz zu gelangen. Er selbst jedoch folgte einem Jungen von vielleicht zehn Jahren, der in eine Seitengasse hinein lief, die hinter der Häusserreihe, die diese Seite des Platzes abriegelte. Schramo war nicht überrascht, dass der Junge bereits verschwunden war, als er selbst um die Ecke bog. Erst als er nach Oben blickte, sah er ihn wieder, wie er sich an Häuservorsprüngen, Haltern für Wäscheleinen und Fensterbänken die Wand hoch zog. Er lächelte. Nicht nur, dass der Junge die selbe Idee gehabt hatte, er verwendete auch den selben Pfad, den wohl alle Kinder dieser Gegend aufs Dach nehmen würden.
Zu seiner Zeit, als Schramo noch kein Soldat, sondern ein Rotzlöffel auf den Strassen Xpochs gewesen war, war er nicht gerade für sein Geschick im Klettern bekannt gewesen. Auch jetzt noch, als Unteroffizier seiner Majestät (ein wohliger Schauer überlief Schramo immer noch bei dem Klang seines Rangs), gehörte er nicht zu den muskolösten und verlor jeden Ringkampf, aber dieser Aufstieg war so enfach, dass ihn seine Oma hätte bewältigen können, wenn sie denn noch gelebt hätte (der Gedanke daran, was einige der Hexer, die in den Kolonien lebten, mit seiner toten Oma anstellen mochten, damit sie wirklich dort hinauf klettern können würde, war ziemlich beunruhigend und er verbannte ihn so schnell wie möglich).
Mit einem Sprung auf den Altbrotkasten hatte er schon das zweite Fenster so gut wie erreicht. Drei Griffe und ein wenig Tasten mit den Füßen später hing er bereits an der Dachkante. Noch einmal abstoßen, hochziehen und er lag mit dem Bauch auf den Schindeln. Als er über den Dachfirst spähte erschraken die vier Jungs, die es sich hier oben gemütlich gemacht hatten und einer hätte fast das Gleichgewicht verloren. Schramo beachtete sie gar nicht, sondern sagte nur "Weiter machen!" während er bereits mit den Augen dem Ball folgte.

Fronturlaub