Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 49


Das Fluggerät sackte durch die plötzliche Gewichtszunahme ein wenig herunter. Urifn benötigte einen Augenblick, um die Kontrolle über sich und das Gerät zurückzugewinnen.
Aber er war nicht irgendein Postflieger. Noch bestand seine Hauptaufgabe darin, irgendwelche Diplomaten durch die Gegend zu transportieren.
Er war ein Kampfpilot. Er hatte in Grenzkonflikten gegen Xpoch wie auch Gnemiar gekämpft, hatte einige Flüchtlinge aus Zur zurückgeschickt, die Grenze der Zaubererwüste patrouilliert und sogar ein paar Überflüge über Klifsen gewagt. Letzteres war sicherlich keine so gute Idee gewesen und er hatte einen Eintrag in sein Führungszeugnis bekommen. Aber das machte ihn nicht zu einem weniger guten Piloten, nur zu einem leichtsinnigeren.
Und ein wenig Leichtsinn war gerade, was er brauchte. Er zog den Ornithopter nach rechts, dann nach links. Es war ruckartig, aber der Ruck war nicht stark genug, um das etwas, welches sich an seine Scheibe klammerte, abzuschütteln und es gab Grenzen, wie schnell er die Maschine hin und herziehen konnte. Deswegen begann er zu steigen, so hoch die Maschine es erlaubte, vielleicht noch ein wenig höher, während sein Gegner gegen die Scheibe schlug.
Ein Hieb nach dem anderen landete auf dem Glas und das Knacken verriet Urifn, selbst über das Rauschen von Luft und Flügeln hinweg, wie viel brenzlich seine Lage mit jedem schlagen der Schwingen wurde.
Schließlich brach das Glas und eine Hand griff nach ihm. Er ruckte zur Seite und der Ornithopter folgte seiner Bewegung. Er ging in den Sturzflug über, brachte das Gerät zum Trudeln und endlich verlor der Oravahler den halt.
Die Mechanik der Flügel begann unter der plötzlichen Last zu ächzen, als Urifn den Sturz abfingen und schnell den ungebetenen Fluggast aus den Augen verlor.

Die Jungs hatten den Luftkampf mit angehaltenem Atem verfolgt. Erst als sie den Oravahler stürzen sahen, konnten sie wieder Luft holen. Die Freudenrufe blieben ihnen jedoch im Hals stecken, sobald der stürzende landete und sofort wieder loslief.
Obwohl Malandro wenig Hoffnung hatte, den Mann einholen zu können, war sein Gehirn immer noch so gefangen in der Verfolgung, dass er bereits seine Armbrust fester griff und losrennen wollte. Doch Gunnar packte ihn an der Schulter und irgendetwas erwachte in dem Feldstraßler. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass sein Freund ihn eingeholt hatte.
"Nicht. Das ist kein Mensch mehr."
"Das sehe ich auch."
"Warum willst du ihm dann folgen?"
"Um ihn ... was meinst du damit, dass das kein Mensch is'?"
"Du meinst, bis darauf, dass er auf einen Ornithopter gesprungen ist und nach dem Sturz weiterlaufen konnte? Ich zeig‘s dir."

"Das erklärt, warum meine Bolzen abprallen."
Sie standen über den beiden Leichen, die Kol Theronds Zauber produziert hatte.
"Oder stecken bleiben und nichts machen."
"Hast du deinen Handschuh noch?"
"Den von deinem Vater, klar. Warum?"
"Ich glaube, wir können ihn damit ausschalten."
"Mit dem Handschuh? Versteh mich nicht falsch, aber der Kerl hat einen Bolzen im Rücken und ist von einem Orni gestürzt. Der Handschuh bringt Leute nur für ‘ne Minute zum Zucken."
"Deswegen will ich's auch noch verstärken. Wir brauchen ‘ne große Spule."
"Und das hilft dann?"
"Ich denke ich sehe, auf was Herr van der Linden hinauswill. Es könnte tatsächlich funktionieren. Ich sehe, was ich tun kann."
Die Xpochler sahen den Hügelstätter erstaunt an, warfen dann aber ein weiteres Mal einen Blick zum Ornithopter hinauf, der fröhlich den Saft eine Schleife nach der anderen verbrauchte.
"Wie oft können sie diese Feuerbombe eigentlich?"
"Sie meinen den Feuerball? Beliebig oft, aber leider nur einmal am Tag. Und hätte mir ein weiterer zur Verfügung gestanden, ich hätte ihn nicht auf die Entfernung zaubern können, die notwendig gewesen wäre." Er drehte langsam seinen Kopf in Richtung des abgestürzten Ornithopters. "Was mich auf einen anderen Gedanken bringt." Nun drehte er auch langsam seinen Körper in die Richtung. "Wir haben gesehen, wie der Verfolgte mindestens dreißig Meter zur Erde gestürzt ist und offensichtlich wenig Probleme damit hatte, wieder aufzustehen und weiterzulaufen. Trotzdem sterben die meisten der Flüchtenden beim Absturz. Wir haben keine Explosion oder ein Feuer irgendeiner Art gesehen. Ich sage nicht, dass der Absturz nicht die Männer vom SLD getötet haben könnte. Unter ihrer Haut war nur der Wurm, den man auch uns einoperiert hatte, und der Zustand, in dem sich der Ornithopter befand spricht dafür, dass ein unmodifizierter Mensch den Absturz nicht überstanden hätte."
"Unmodifiziert? Was heißt das?"
"Dass sie nicht verändert wurden, Tis."
"Ich weiß, was es heißt", und zu seiner eigenen Verwunderung, wusste er es tatsächlich. Der ständige Umgang mit Gunnar hatte anscheinend abgefärbt. "Was ich wissen will, is', was anders an ihnen sein sollte?"
"Das sie Metall unter der Haut haben, wie ich doch vorhin gesagt habe."
"Mehr als das, Herr van der Linden. Ich habe nur einige kurze Stichproben gemacht", Gunnar bemerkte, dass er nicht sagte, dass er die Stichproben "genommen" hatte und bei dem Gedanken meldete sich ein wenig von Gunnars Magensäure in seinem Mund, "aber das Metall scheint weite Teile ihres Körpers ersetzt zu haben. Wie wir fast schon erwartet haben, bedeutete die längere Zeit, die diese Männer in der Feste verbracht haben, auch, dass man mehr mit ihnen gemacht hat."
"Dann sind sie also sowas wie Maschinenmenschen?" So gruselig die ganze Angelegenheit war, so faszinierend fand Gunnar sie auch.
"Man könnte es so ausdrücken?"
"Dann könnten sie einfach nur inaktiv sein?"
"Wie ..." setzte Kol Therond an, während Gunnars Freunde ihm einen Blick zuwarfen, der mehr Vorwurf als Entsetzen enthielt und zu sagen schien: "Du musstest ja sowas aussprechen. Du bist schuld, wenn es jetzt auch stimmt."
Sie rannten zurück zur Absturzstelle. Erneut betrat Gunnar die Kabine, dieses Mal gefolgt von Malandro.
"Magie scheint keine mehr an ihnen zu sein", meinte der Zauberlehrling wenig später, "Außer einigen Sachen der SLDler."
"Das ist ihre Standardausrüstung. Ich wünschte, wir könnten sicher sein, dass wir so auch den Zustand der Maschinenmenschen feststellen würden. Leider wissen wir immer noch nicht, ob bei ihrer Animation auch Magie eine Rolle spielt."
Gunnar hörte nur mit einem halben Ohr zu, während er eine der am wenigsten beschädigten Westen von ihrem Inhalt befreite. Erst, als er den Gürtel darunter fand und das daran befestigte Kampfmesser, wandte er sich dem Gespräch wieder zu, zog das Messer heraus und rammte es einem der Oravahler in den Kopf. Er lehnte sich sogar mit seinem gesamten Gewicht darauf, bis selbst die Schmiedemarke verschwunden war.
Malandro hätte es besser wissen sollen, nachdem was er inzwischen mit Gunnar erlebt hatte. Trotzdem brauchte er einen Augenblick, bis er seinen Mund wieder schließen konnte.
"Es sieht so aus, als wären sie tot. Aber ich überprüfe es noch einmal."
Daraufhin überließ Malandro Gunnar die Seite der Kabine mit dem Oravahlern, während er sich mit einer weiteren Armbrust einem Munitionsgurt und einem Werkzeug ausstattete, dass nach einem viel zu simplen Dietrich aussah. Wie er später feststellte, war es tatsächlich ein magischer Dietrich, der sich den Schlössern anpasste und er wusste ihn sehr zu schätzen. Er experimentierte jedoch erst draußen damit und überließ Gunnar sich selbst.

Der junge Erfinder empfand keine Freude bei seinem Unterfangen. Als er die Weste an sich gebracht hatte, war da wenigstens ein Wenig Vorfreude gewesen. Aber bei dem "Abschalten" dieser "Maschinen", versuchte er nur daran zu denken, dass Kol gesagt hatte, das Metall würde viel tiefer gehen als nur unter die Haut. Und im Grunde ging er davon aus, dass die Oravahler noch genug Mensch waren, um wirklich tot zu sein, und nicht ausgeschaltet. Deswegen tötete er in seinem eigenen Verständnis auch niemanden hier.
Der Schweiß rann ihm inzwischen am ganzen Körper hinunter. Die Hitze tat sicherlich das ihre dazu, aber die Weste und die Anstrengung machten die Sache nicht besser. Deswegen war es fast ein Wunder, dass sein Blick schließlich auf die Energiezelle fiel.

"Ich habe sie mal ausgebaut."
"Auf jeden Fall ist da keine Magie mehr drin, soweit ich das seh'n kann."
"Herr Sabrecht hat Recht mit seiner Analyse. Und ich muss sagen, es ist tatsächlich so, dass die Batterie entladen wurde."
"Was bedeutet das?"
"Es ist natürlich nur eine Theorie, aber eine plötzliche Entladung, die sozusagen die gesamte Energie der Zelle auf einmal freigeben würde, könnte eine thaumische Druckwelle auslösen, die andere Energien vor sich her drückt oder auslöscht."
"Was?"
"Der Botschafter will sagen, dass es eine magische Explosion gegeben hat."
"Danke, Gunnar."
"Und das würde dann erklären, wieso die anderen Oravahler tot sind?"
"Sehr richtig."
"Und wir haben das hier." Tiscio ließ eine Tasche zwischen sie fallen, die er aus dem Orni geholt hatte, nachdem Gunnar endlich herausgekommen war.
"Was ist da drinnen?"
"Die Tagebücher."
Einige tiefe Atemzüge waren zu hören, bis Malandro endlich aussprach, was alles fühlten: "Die ganze Zeit und hier liegen sie."
"Dann können wir ja endlich nach Hause."
"Hast du vergessen, dass da noch einer rumläuft?"
"War nur ‘ne Aardigheid."
"Und was machen wir dann?"
"Hinter ihm her."
"Moment", bremste Gunnar die anderen noch einmal. "Ich hätte da noch was." Er holte mehrere seltsam geformte Stöpsel aus einer der Westentaschen und hielt sie Kol Therond vor die Nase.
"Gehe ich recht in der Annahme, dass die hier zur Verständigung dienen?"
"Theoretisch ja", sagte der Hügelstätter, nachdem er einen längeren Blick auf die Ohrstöpsel geworfen hatte. "Aber sie sind nur für die Person bestimmt, der sie übergeben werden. Bei anderen funktionieren sie nicht. Und sie haben keine besonders große Reichweite."
"Grabenschleim." Gunnar steckte sie trotzdem zurück in seine Tasche. Man konnte nie wissen, ob er nicht doch noch was damit anfangen konnte.
"Ihnen ist bewusst, Herr van der Linden, und auch Ihnen, Herr Sabrecht, dass sie, sobald sie sich auf den Weg zurück in ihre Heimat machen, all diese Dinge, die den Hügelstätten gehören, wieder zurückgeben müssen."
"Ehrlich? Nicht einmal als Belohnung?"
"So gerne ich es Ihnen überlassen würde, gehören diese Gegenstände meiner Regierung und es wäre auch nicht gut für sie, mit ihnen in ihre Heimat zurückzukehren."
"Da hat der Hügelstätter Recht", gesellte sich jetzt auch Wintur mit etwas zitternder Stimme zu ihnen. "Selbst, wenn ich vergessen könnte, dass sie illegale Waffen aus einem verfeindeten Land in unsere Heimat einführen, gibt es genügend Leute in Xpoch, die sie erkennen würden. Und dann wäre nicht nur die Metrowacht hinter ihnen her, sondern auch die Kongregation."
"Die hatte ich ganz vergessen", grummelte Tiscio.
"Und was machen wir dann?"
"Wir versuchen den Oravahler aufzuhalten."

Die Jungen aus der Feldstrasse