Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 45


"Das ist total verwirrend."
"Wenn sie den Umstand meinen, dass wir uns an Dinge erinnern, die zum gleichen Zeitpunkt geschehen sein müssen, aber kaum in der Lage sind, zu entscheiden, was wirklich geschehen sein muss, dann stimme ich ihnen zu."
"Ja. Das."
"Aber warum haben sie uns rausgelassen?"
"Vielleicht ging es den Entführern nicht um uns, sondern um etwas vollständig anderes." Kol Therond hatte sich entschlossen, diejenigen, die ihnen das angetan hatten, "Entführer" zu nennen, auch wenn die Xpochler sie weiterhin als "die aus der Feste" bezeichneten.
"Was, wenn die Feste auch das Horn will?"
"Dann haben sie jetzt viele SLDler in guten Positionen."
"Und wir waren eine Ablenkung?"
"Genau. Wir hatten sie fast und getze sind sie wieder mehr als eine Woche weg."
"Wenn sie tatsächlich raus sind."
"Warum sollten sie nicht raus sein?"
"Weil niemand sie gesehen hat?"
"Zumindest nicht, nachdem man sie gesehen hat."
"Aber warum sind die Oravahler überhaupt hierhergekommen?"
Ein wenig Gestammel folgte dieser Frage, bis Kol Therond anregte: "Es ist denkbar, dass die Flüchtlinge eine Abmachung mit unseren Entführern getroffen haben."
"Schon vorher?"
"Ich weiß, dieser Gedanke trägt ein paar erschreckende Implikationen mit sich, wie unter anderem, dass die Feste Agenten an den verschiedensten Orten besitzt. Und wie wir inzwischen erfahren mussten, wissen diese es eventuell nicht einmal."
"Gruselig."
"Das ist schlimmer, als der ganze Grabenschleim in Gnemiar."
"Wie ist das schlimmer?"
"Naja, von Gnemiar wissen wir halt, dass sie das machen."
"Könntest du das auch, Mal? Oder Unterschnitt?"
"Weiß nicht. Er hat's mir auf jeden Fall noch nicht beigebracht."
"Können Sie das, Herr Botschafter?"
"Ich besitze einen Zauber dafür, ja. Aber gemessen an dem, was unsere Entführer mit uns angestellt haben, überschreitet es bei weitem meine Möglichkeiten oder jedes anderen Magiers, den ich kennen gelernt habe."
"Sind die Oravahler dann getze wie wir oder ha‘m sie sich nur Hilfe geholt."
"Und die Feste hat uns rausgelassen, weil...?"
"Als Ablenkung? Als Spione?"
"Mein Eindruck ist, dass die Manipulation unserer Gedanken viel zu, sagen wir einmal, unzureichend war, um uns als Schläfer einsetzen zu können."
"Wieso sollten wir schlafen?"
"Schläfer, Gunnar. Hast du nie die ganzen Spionagegeschichten gehört?"
"Wenn, dann hätte ich sie gelesen, und nein, ich hatte anderes zu tun."
"Der Botschafter meint, dass wir nicht gewusst hätten, dass wir Spione sind, bis wir irgendeinen Befehl bekommen hätten, und dann wären wir es gewesen."
"Ganz schön mies. Aber Kol hat recht, das hätte nicht funktioniert."
"Herr van der Linden, wie oft muss ich sie daran erinnern, mich in dieser Umgebung angemessen zu betiteln."
"Niemand ist da, der uns hören könnte. Ich glaube nicht, dass jemand an der Tür lauscht."
"Können wir getze zum eigentlichen Problem zurückkommen?"
"Wie die Oravahler mit der Fest zusammenhängen?"
"Ja, das wäre auch eins, aber da war vielleicht die Sache mit dem Schläfer gar nicht verkehrt."
"Was ist mit den SLDlern? Das sollten wir uns vielleicht mal überlegen."
"Ich würde vorschlagen, dass ich eine Nachricht absetze, dass man der Männer habhaft wird, bevor wir noch lange darüber diskutieren, was ihre Aufgabe sein mag."
"Und was machen wir, wenn wir sie einholen?"
"Das sollten wir einige Ritter erledigen lassen. Oder vielleicht das Militär. Immerhin handelt es sich bei ihnen um Mitglieder einer Spezialeinheit. Jeder von ihnen, meine jungen Freunde, hat zwar wider jede Vernunft bewiesen, dass er in der Lage ist, mit den ungewöhnlichsten Situationen umzugehen, aber ein Kampf gegen eine Abteilung der SLD ... ich denke, wir sollten einen solchen Konflikt vermeiden."
Damit verabschiedete sich Kol Therond und ließ die vier Hügelstätter allein in dem Zimmer zurück.
"Der Botschafter hat Recht. Ihr Jungs werft euch in Gefahren, bei der jeder Metrowächter Verstärkung herbeirufen würde. Deswegen ist es nur gut, wenn jemand anderes sich mit der Schlägerei beschäftigt. Worüber ich mir mehr Sorgen mache, sind die Oravahler. Sie waren viel länger als wir in der Feste und damit in der Hand derjenigen, die uns dies angetan haben. Und wenn ich einige Vermutungen anstellen müsste, was dort mit ihnen geschehen sein könnte, könnten sie inzwischen weniger Mensch als etwas anderes sein."
Es blieb für einen Augenblick still, während die drei Jungen zu verdauen versuchten, dass Wintur mehr als einen Satz gesagt hatte. Erst dann registrierten sie das gesagte.
"Verdammt, jetzt habe ich auch mehr Angst vor denen als vor den SLDlern", fasste letztlich Malandro ihre Gedanken zusammen.

"Ich habe veranlasst, dass alle Wachen getestet werden, was eine Weile dauern kann. Aber ich muss mich von diesem Ort verabsentieren." Kol Therond hielt seinen Zylinder mit einer Hand fest, während er mit den Xpochlern sprach. Der Grund warum er seinen Hut festhalten musste, war der Ornithopter, der vor einer halben Stunde eingetroffen war und darauf wartete, wieder fortzukommen.
"Da sie hier, man könnte sagen, gestrandet sind, wäre es vielleicht keine schlechte Idee für sie, mich zu begleiten. Wir werden nach Torath fliegen. Als Hauptstadt ist es natürlich besser vernetzt und es sollte für sie kein Problem darstellen, von dort in ihre Heimat zurückzukehren."
"Klingt nach einem Plan." Damit winkte Malandro den anderen und sie folgten dem Hügelstätter in den Ornithopter. Der Pilot sah sie etwas besorgt an, als sie ihre Waffen verstauten, sagt aber nichts.

Die Hügelstätte waren größer als das Königreich Xpoch, aber sie waren bereits einmal darüber hinweggeflogen und es hatte nicht besonders lange gedauert. Vielleicht waren sie damals zu sehr auf ihr Ziel fixiert gewesen, um den Fluss der Zeit wirklich wahrzunehmen. Aber mochte es sein, wie es war, dieser Flug schien kein Ende zu nehmen. Das war vielleicht der Grund, warum Tiscio und Malandro schließlich Dinge zu diskutieren begannen, bei denen Wintur sich gewünscht hätte, sie niemals gehört zu haben.
"Wir sollten trotzdem das Horn suchen."
"Trotz was?"
"Trotz ... Kol Therond hat uns doch gesagt, dass wir nach Hause gehen sollen."
"Nicht so richtig, aber ja."
"Und trotzdem sollten wir das Horn suchen."
"Und was willst du dann damit machen."
"Naja, zuerst dachte ich einfach, wir sollten es finden, damit niemand anderes es tut."
"Und was dann? Willst du mit einem Horn rumlaufen, dass Tote wiederbelebt."
"Fand ich zuerst ziemlich lustig. Aber klar, da könnte ja jeder kommen, mir einen überziehen und hätte das Horn. Und das ist, wenn ich nicht Dienst schieb. Ich glaub nicht, dass meine Vorgesetzten mich ein Horn tragen lassen würden."
"Und was denkst‘e getze?"
"Wir sollten es Kol Therond geben."
"Unseren Feinden?"
"Uns haben sie nichts getan."
"Trotzdem sind wir Xpochler und er Hügelstätter. Wann waren wir nicht im Krieg?"
"Aber sie können darauf aufpassen und außerdem könnten sie damit die Feste ausheben."
"Nette Idee, aber wenn das rauskäme, bräuchten wir nicht mehr zurückkommen. Ich bin nicht mal sicher, ob wir hier sicher wären. Und die lassen dich hier bestimmt nicht Berti sein, wenn sie sowas überhaupt haben."
"Ehrlich? Ich bin nicht mal sicher, ob ich ein Problem damit hätte, kein Berti mehr zu sein. Nachdem ich das alles gesehen habe, bin ich nicht sicher, ob es mir reicht, durch die Straßen zu laufen und anschließend einen Bericht nach dem anderen zu schreiben."
Und das war der Moment, in dem Wintur begriff, warum er hatte mitkommen sollen und dass er nicht mehr hören wollte. Er zog seine Mütze über die Augen und versuchte die Welt auszuschließen.

Er erwachte erst wieder, als er ein lautes "Groß!" neben sich hörte. Es dauerte eine Weile, bis er seine Augen so weit aufbekam, dass er aus den kleinen Kabinenfenster herausblicken konnte. Sobald es ihm jedoch gelang, bedauerte er, es nicht schon früher geschafft zu haben.
Sie befanden sich im Anflug auf Torath, die Hauptstadt der Hügelstätte. Wintur war sich nicht sicher, ob der Umflug um die Stadt notwendig für die Landung war, oder ob der Pilot es zum Gefallen seiner Passagiere machte. Aber gleichgültig, was der Grund sein mochte, der Anblick war es wert.
Die Stadt war in einem alten, weitläufigen Vulkankrater gelegen, dessen Rand den kleineren Häusern immer noch Schatten bot, gleichgültig, welche Tageszeit es war.
Die Menschen von Torath, oder zumindest jene, die es sich leisten konnten, hatten das Licht trotzdem gefunden, indem sie unzählige dünne Türme in die Stadt gestellt hatten. Sie sahen aus wie Nadeln, die versuchten, ein Loch in den Himmel zu bohren, ganz weiß, gleißend in der untergehenden Sonne.
Der Anblick schmerzte fast in den Augen und hinterließ in den zweifelnden Seelen der jungen Hügelstätter helle Spuren, die sich gegen die grauen Schlote Xpochs absetzten.

Der Landeplatz lag am Kraterrand, der einzige Ort, an dem man vermutlich noch ausreichend ebene Flächen hatte finden können, um in Stadtnähe einen der wichtigsten Knotenpunkte der Hügelstätte zu bauen. Sobald der Ornithopter aufgesetzt hatte, wurde auch schon die Tür aufgerissen und zwei von den schweren Repetierarmbrüsten, wie sie auch die SLDler verwendet hatten, hineingehalten.
"Weisen sie sich aus!"
"Mein Name ist Kol Therond. Ich bin im Auftrag des Baumeisters unterwegs und sie sollten bereits eine Bestätigung meiner Berechtigungen erhalten haben."
Die Waffen wurden zurückgezogen und der Kopf eines Mannes mit einer schirmlosen, runden Mütze erschien statt ihrer.
"Verzeihen sie, Magister. Die letzten Depeschen mahnten uns zur Vorsicht und nach dem Vorfall vor zwei Tagen kamen wir ihnen nur zu gerne nach."
"Vor zwei Tagen? Ist es möglich, dass die Einheit des Sonder-Luft-Dienstes, auf die ich ihre Dienststelle aufmerksam gemacht habe, darin verwickelt war?"
"Sehr wohl, Herr Magister. Wollen sie vielleicht mit hinab in die Stadt kommen? Ich würde sie auf dem Weg dorthin auf den neusten Stand bringen."
Die Hügelstätter hörten die förmlichen, gestelzten Worte, bemerkten aber auch, dass viel der Förmlichkeit in der Dringlichkeit verlorengegangen war. Anscheinend beschränkten sich die beiden Männer auf das absolute Mindestmaß an Höflichkeiten, um noch ein wenig Gesicht wahren zu können, während es beide drängte, die wirklich wichtigen Dinge zu besprechen.
Trotzdem schwieg der Fremde, bis alle in einer geräumigen Kutsche Platz gefunden hatten. Natürlich wurde sie nicht von Pferden gezogen, aber Gunnar konnte auch keinen anderen ihm vertrauten Antrieb ausmachen. Er zog die Schultern hoch und dachte nur "Magie", wobei tief in seinem Verstand die Naturphilosophie nach Erklärungen für den Ursprung der Energie und die Gesetzmäßigkeiten hinter ihrer Anwendung schrie.

"Leider hat uns ihre Nachricht zu spät erreicht. Das Team hatte zu diesem Zeitpunkt schon Vorbereitungen für den Abflug getroffen und sich in den Untergrund zurückgezogen. Wir konnten ihrer nicht mehr Habhaft werden. Nach dem, was schließlich bei ihrem Abflug geschehen ist, könnte man fast behaupten, dass dadurch ein größeres Unglück verhindert wurde."
"Herr Oilin, ich bitte sie, versuchen sie bitte nicht, eine mitreißende Geschichte zu erzählen, sondern nennen sie uns die Fakten."
"Herr Magister, ich bin nicht sicher ..." Dabei warf er einen Blick auf die Xpochler, die keinen Hehl aus ihrer Neugier machten.
"Wir haben inzwischen eine Menge erlebt und ich vertraue diesen jungen Männern und Herrn Wintur mit meinem Leben. Also, berichten sie."
Die besagten Jungen, versuchten nicht zu viel Erstaunen zu offenbaren und sich nicht von den sauberen Prachtstraßen ablenken zu lassen, während sie dem Bericht folgten.
"Dann fasse ich den Vorgang zusammen: Die Einheit traf ein, machte ein paar Besorgungen, verschwand aus allen Akten und tauchte erst vorgestern wieder auf. Dieses Mal wurden sie von mehreren Fremden begleitet, die sich anscheinend über die Hänge zur Stadt begeben haben. Wir gehen davon aus, weil wir keinen Bericht über ihr Eintreffen auf einem der normalen Wegen besitzen. Während sich die Gruppe aus zehn bis fünfzehn Personen dem Flugfeld näherte, töteten sie vier Wächter und einen Mechaniker, stohlen einen Ornithopter und flogen in Richtung Südwesten."
"Gab es Verluste oder Verwundete unter den Flüchtlingen?"
"Das wissen wir nicht. Nur so viel, dass offensichtlich niemand von ihnen gestorben ist. Was jedoch auffällig ist, ist der Umstand, dass die Opfer nicht an zu erwartenden Schuss- oder Stichwunden starben, sondern an Schlägen und innere Verletzungen."
"Sie wollen sage, dass sich die Flüchtenden durch die Wachen geprügelt haben?"
"Ja und nein. Wenn sie es getan haben, dann haben sie dafür Keulen oder vielleicht auch Hämmer verwendet."
"Sie klingen nicht überzeugt."
"Das bin ich auch nicht. Die Augenzeugenberichte lassen nicht auf ungewöhnliche Waffen schließen."
Die Jungen warfen sich beunruhigte Blicke zu, die am Ende von der gerunzelten Stirn Kol Theronds nur noch bestätigt zu werden schienen.
"Ah, da sind wir schon an der Akademie."
"Was machen wir hier ... äh ... Herr Botschafter?"
"Verschiedenes über das ich nicht so einfach zu sprechen befugt bin." Er wandte sich Herrn Oilin zu, der ihn dienstbeflissen ansah. "Veranlassen sie bitte, dass meine Gefährten in den Baracken unterkommen und dort mit allem nötigen Versorgt werden. Ich möchte nicht, dass sie unter Hausarrest gestellt werden, auch wenn es nicht zu vermeiden sein wird, dass sie in Begleitung eines Wächters bleiben müssen", und erneut zu den vier Hügelstättern gewandt, "Wir sind jetzt schon eine weite Strecke gemeinsam gereist. Ich vermute, sie werden jetzt nicht aufgeben wollen, zumal ich mir derzeit kaum jemanden vorstellen kann, dem ich mehr vertrauen würde."
Zu ihrem Entsetzen mussten die Jungen einsehen, dass es ihnen ähnlich ging. Nachdem, was die Feste mit ihnen angestellt hatte, war es schwer, irgendjemand anderem zu vertrauen.

Die Jungen aus der Feldstrasse