Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 37


Über dem sehr spärlichem Frühstück, welches aus einem Kanten Brot für fünf Personen und sehr viel Brunnenwasser bestand, entschieden sie, dass Malandro alleine in einigen von Fabrizios Ersatzklamotten die Stadtmauer abgehen sollte, um die günstigste Stelle für ihre Flucht zu erkunden.
"Und sehen sie sich am besten auch gleich nach einigen Läden um, bei denen wir Ersatzteile für den Ornithopter erwerben können", waren die Worte, die ihm Kol Therond auf den Weg mitgab. Glücklicherweise übernahm Gunnar das Antworten, so dass Mal keine Kraft vergeuden musste, um seine Zunge im Zaun zu halten. "Wir wissen doch noch gar nicht, was wir brauchen."

Es war erstaunlich, wie sehr jemand auffallen konnte, wenn er fremd in einer Stadt war, die Sprache nicht sprach und versuchte, unauffällig zu sein. Ebenso erstaunlich war es, wie sehr solche auffälligen Leute, gerade in einer Zeit, in der jeder auf den Beinen war, um entflohene Spione und Mörder zu jagen, ignoriert wurden. Er erntete ein paar misstrauische Blicke, aber anscheinend ging jeder davon aus, dass niemand, der so dringend gesucht wird, einfach so durch die Stadt gehen würde. Vermutlich half auch, dass jeder, der Malandro in der Burg gesehen hatte, entweder tot war oder unter massiven Kopfschmerzen litt.
Zuerst ging er auf Umwegen zur Stadtmauer, was so viel bedeutete wie, dass er sich nahezu hoffnungslos verirrte. Als er endlich die Mauer erreichte, wandte er sich nach links bis er schließlich ein Stadttor erreichte.
Und von dort aus ging er von einem Ausgang zum nächsten, immer mit einem Blick auf die Verteilung der Wachen und die Besatzung der Tore. Der Verkehr durch die Tore war meist nur gering, nahm aber zum Abend hin zu, als alle, die nichts in der Stadt verloren hatten, sie wieder verließen. Malandro vermutete, dass es an dem beständigen Regen lag, der ihn normalerweise auch eher drinnen gehalten hätte. Aber welche Wahl hatten sie schon?
Schließlich machte er sich wieder auf den Weg zurück zu Fabrizios Wohnung, wo er seinen Bericht erstattete:
"Es gibt vier an jedem Tor. Ich habe vielleicht ‘ne halbe Stunde von Tor zu Tor gebraucht. War nich' ganz klar, denn ich bin mir nicht sicher, wie die hier die Stunden schlagen", dabei warf er Fabrizio einen Blick zu, worauf dieser jedoch nicht reagierte. "Auf jeden Fall sind auch alle dreißig Schritte Männer auf den Zinnen. Sie gehen hin und her, so dass sie sich auf jeden Fall immer mal wiedersehen." Er holte tief Luft. "Stadtmauern sind wirklich bastig. Ich dachte immer, die sollen Leute raushalten und nicht drinnen halten ... Ach ja. Leute, die rausgehen, werden angesprochen und alle Karren raus untersucht."
"Das wird wohl uns gelten."
"Und was machen wir jetzt damit?"
"Was schon? Wir überlegen, wie wir rauskommen?"
Alle schwiegen einen Moment, bis Tiscio frage: "Kannst du nicht 'nen Ballon bauen, Gunnar?"
"Womit? Unseren Klamotten? Und wie sollen wir ihn zum Aufsteigen bringen? Und wo sollen wir das überhaupt machen? Fällt überhaupt nicht auf, wenn wir auf der Straße Stoffe auslegen und sie zusammennähen. Und wenn wir dann in der Luft sind, kann uns natürlich auch keiner sehen."
"Ist ja gut, Gunnar. Ist ja gut. War nur ‘ne Idee. Hast du eine bessere?"
"Nicht wirklich. Vielleicht ein doppelter Boden in einem Wagen?"
"Dazu bräuchten wir erst einmal einen Wagen. Und wie hast du gerade gesagt? Fällt überhaupt nicht auf, wenn wir hier auf der Straße an einem Wagen rumbauen."
Gunnar warf die Arme so weit hoch, wie es ihm in dem überfüllten Raum möglich war.
"Verkleiden kommt vermutlich auch nicht in Frage."
"Nicht, wenn sie uns am Tor ausfragen, Tis."
"Wenn alles andere scheitert, könnten wir die Stadt anzünden", antwortet der Bertianwärter nur halb im Scherz.
"So dringend ich aus dieser Stadt herausgelangen möchte und so viele Gründe mir die Einwohner auch gegeben haben mögen, um mich nicht verpflichtet zu fühlen, ihnen wohlgesonnen zu sein, halte ich Brandstiftung doch für eine zu extreme Maßnahme."
"Meinte ich nicht ernst."
"Aber was bleibt dann noch?"
"Malandro verzaubert einfach alle und wir gehen gemütlich aus dem Tor hinaus."
"Wie soll ich das denn machen?"
"Woher soll ich das denn wissen? Du kannst doch lauter nützliche Zauber, von denen du uns nichts sagst."
Der Schlag gegen Tiscios Schulter fiel ungewöhnlich sanft aus, was vermutlich an der Enge des Raums lag.
"Wir sollten die Wachzyklen abpassen und zwischen den Wachen über die Mauer klettern. Im Dunkeln können wir unentdeckt über die Felder bis in den Wald fliehen." Wintur sprach sehr ruhig und sachlich, aber Tiscio, der ihn länger kannte als die anderen, begriff, wie aufgewühlt er sein musste, nach allem, was sie in dieser Stadt angerichtet hatten.
"Also warten wir bis es dunkel wird?"
Man konnte die Stille, die darauf folgte, als ein allgemeines Schulterzucken interpretieren.

Es gab immer einen guten Grund, nicht im Regen hinauszugehen. In ihrem Fall hatten sie gleich mehrere. Zum einen sprach Malandro sich vehement gegen einen weiteren Spaziergang in der Nässe aus, da er in dem kleinen Raum nur sehr langsam wieder trocken wurde. Dann war da der Umstand, dass sie an der Außenmauer an einem Seil hinunterklettern mussten, eine Tätigkeit, die erheblich erschwert wurde, wenn das Seil nass war. Und zu guter Letzt war da noch ein kleiner Zauber, den Fabrizio erwähnt hatte, der nahezu wirkungslos wurde, wenn er mit Regen in Berührung kam.
Also warteten sie darauf, dass das beständige Trommeln auf den Dächern endete. Daher verließen sie das Zimmer erst eine Stunde vor Mitternacht und machten sich, geführt von Fabrizio, direkt auf den Weg zur Mauer. Der junge Priester war etwas schwerer beladen als die anderen, weil er vorsichtshalber seinen wichtigsten Besitz mitgenommen hatte. Er schien nicht davon auszugehen, sein Zimmer wiederzusehen.
Sie kamen durch eine schmale Gasse zu dem Abschnitt der Mauer, den Fabrizio für am geeignetsten hielt und beobachteten, wie zwei Wächter ihre Strecken abliefen. Ungefähr dort, wo sich ihre Wege trafen, führte eine Treppe die Wand hinauf.
"Das wird eng."
"Besser, als uns durchs Tor zu prügeln."
"Ham wir die Seile?"
Tiscio und Gunnar hoben die Rollen leicht an. Die beiden hatten Messer-Hammer-Pergament verloren. Kol Therond hatte sich natürlich nicht einmal beteiligt und der Berti schien ein unnatürliches Geschick in diesem Spiel zu besitzen.
"Wer geht zuerst?"
"Herr van der Linden sollte vorangehen."
Alle sahen den Botschafter an, so gut es in der Dunkelheit der Gasse ging. Sobald er das Zögern bemerkte, setzte er hinzu: "Er hat ein Seil und das Geschick, es ordentlich zu befestigen."
Schließlich zog Gunnar die Schultern hoch und starrte auf die schattenhaften Gestalten auf dem Wehrgang. Schließlich gab Kol Theron ihm einen Stoß und Gunnar rannte auf die Treppe zu, schlich sie hinauf und zu den Zinnen. Die anderen folgten ihm. Tiscio, der immer noch darüber grübelte, ob er beleidigt sein sollte, weil ihm der Hügelstätter nicht zutraute, einen Knoten zu binden, begann ebenfalls damit, sein Seil auszulegen. Allerdings zuckte er zusammen, als Wintur die Luft einsog. Er blickte auf und sah zuerst nichts. Erst als er seinen Kopf in die andere Richtung umwandte bemerkte er den Grund für Irritation des Bertis. Der Wächter hatte sich umgewandt und starrte nun in ihre Richtung.
Sein "Hej" erklang nahezu gleichzeitig mit einigen gemurmelten Worten Fabrizios. Noch bevor der Mann mehr sagen konnte, verschwand er aus ihrer Sicht, genauso wie ein Teil des Wehrgangs, eingehüllt in einen finsteren Nebel. Der Priester wandte sich sofort um und legte auch auf die andere Seite seinen Zauber.
"Da sieht uns jetzt erst mal keiner mehr", grinste er, ein Umstand, den sie mehr hören als sehen konnten.
Danach lief alles wie geschmiert. Abgesehen davon, dass sie nur langsam durch den Matsch der Felder um sie herum vorankamen, auch wenn sie dabei weitgehend von dem Getreide verdeckt wurden. Was ein Glück war, denn in diesem Moment rissen die Wolken auf und die Ringfülle erhellte ihren Pfad. Und natürlich war da noch, dass sie auf der falschen Seite der Stadt herausgekommen waren. Daher verbrachten sie einen guten Teil der Nacht damit, die Stadt in einem weiten Bogen zu umrunden statt in ihrem Lager zu sitzen und sich auszuruhen.
Am Ende stellte sich dieses Versehen jedoch als Glücksfall heraus, denn im Morgengrauen konnten sie noch sehen, wie Reiter in die ursprünglich von ihnen eingeschlagene Richtung verschwanden und Wachen ausschwärmten, um die Felder zu durchkämmen. Bald stellte es sich aus als die richtige Entscheidung heraus, den Weg zu verlassen, denn ein kleiner Trupp galoppierte an ihnen vorbei, wobei die Männer immer wieder Blicke nach links und rechts warfen, beständig auf der Suche nach den flüchtigen Verbrechern.
Wirklich interessant wurde es noch einmal, als sie die Stelle wiederfanden, wo sie den Ornithopter zurückgelassen hatten. Die erste Überraschung war, dass sich nichts verändert zu haben schien. Dies beinhaltete, dass das Fluggerät noch da war und nicht in seine Einzelteile zerlegt. Die zweite war, dass der Mechniker und Kols Buttler nirgendwo zu sehen waren. Und die dritte, als der Buttler plötzlich hinter Kol Therond erschien.
"Herr Therond, es ist ausgesprochen erfreulich, dass sie wieder unter uns weilen. Ich fürchte allerdings, dass ich für ihre Schuhe nicht mehr viel tun können werde."
"Ah, schön sie zu sehen. Ja, ich fürchte, die Bäche, durch die wir geschritten sind, haben dem Leder erheblichen Schaden zuefügt."
"Soll ich ihnen ihre Ersatzschuhe bringen?"
"Das wäre wohl angebracht, danke."
"Da haben sie uns aber einen schönen Schrecken eingejagt, Herr Botschafter. Wir hielten sie zuerst für Oravahler."
"Ich nehme an, dass es ein Glück ist, dass wir keine sind. Wie steht es mit den Reparaturen meines Ornithopters?"
"Naja, Herr Botschafter, der Energiekonverter ist beschädigt. Ich fürchte, wir müssten einen sehr guten Arkanotechniker und einen spezialisierten Magier finden, die das Teil reparieren oder besser noch ersetzen."
"Wenn ich ehrlich bin, Milik, hatte ich auf bessere Neuigkeiten gehofft."
"Was heißt das?"
"Dass unser Flatterflügler nicht mehr flattert."
"Leger aber durchaus korrekt zusammengefasst, Herr Sabrecht."
"Außerdem heißt es, dass wir die Oravahler nicht weiterverfolgen können."
"Grabenschleim."
Für einen Augenblick waren nur die Geräusche des morgendlichen Waldes zu hören, bis Tiscio die unruhige Stille wieder unterbrach.
"Dann müssen wir zum Luftschiff."
"Warum?"
"Vielleicht sind sie noch da?"
"Die Oravahler?"
"Ja."
Alle sahen zu Kol Therond hinüber.
"Es kann nicht schaden, die Absturzstelle zu erkunden."

Die Jungen aus der Feldstrasse