Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 32


"Habt ihr euch mal wieder in Schwierigkeiten gebracht?" fragte Kargerheim, als er Gunnars blutende Seite sah.
Nachdem das Luftschiff das Flugfeld verlassen hatte, waren die Kämpfe schnell von den Bertis eingedämmt worden. Zuerst hatten sich die Darndianer ergeben, aus denen sich die zweite Gruppe der Kämpfenden zusammengesetzt hatte, wenig später die Oravahler. Nun waren die Metrowächter damit beschäftigt, ihre Gefangenen in Handschellen zu legen und ihre Personalien aufzunehmen.
Erschwert wurde der ganze Vorgang dadurch, dass es immer wieder Schwierigkeiten gab, die Metrowächter von den Gefangenen zu unterscheiden, da niemand mit dem Gedanken warm werden konnte, dass es überhaupt Wächter geben konnte, die nicht durch ihre Uniform kenntlich gemacht wurden.
Neben diesen Schwierigkeiten mussten sich die Bertis auch mit einer Kutsche voller zurückgelassener Fluggäste beschäftigen, die unverständlicherweise nicht einsehen wollten, dass sie dankbar sein sollten, nicht mit dem Luftschiff entführt worden zu sein. Stattdessen spielten sich zwei Herren auf, deren Besitz auf dem Olanimener Berg wenig mit ihrer Intelligenz zu tun haben konnte. Immer wieder beschwerten sie sich lautstark auf diese herablassend höfliche Art bei jedem Mann, den sie als Metrowächter identifizieren konnten, bis sich der Hauptwachtmeister nach einer halben Stunde gezwungen sah, sie zurück zum Hauptgebäude fahren zu lassen und dort unter "Schutz" zu stellen, indem er ihnen zwei seiner untergebenen zuwies, denen er, so, dass es alle hören konnten, stillen Dienst verordnete. Vermutlich hoffte er auf diese Weise, die beiden Gockel davon abzuhalten, zu viel auf die beiden Männer einzureden. Andererseits war es ebenso wahrscheinlich, dass die beiden Bertis irgendetwas ausgefressen hatten, wofür sie jetzt bestraft wurden.
Unterschnitt und Kargerheim hatten ihre drei jungen Freunde auf halben Weg zum Hauptgebäude getroffen. Mit seiner Begrüßung warf Kargerheim Wachtmeister Wintur einen strengen Blick zu.
"Ich habe mein Bestes getan, Herr Kargerheim. Herr van der Linden ist jedoch, ohne auf meine Worte zu hören, auf das Luftschiff zu gerannt, um seine Erfindung auszuprobieren."
"So war das gar nicht", protestierte Gunnar und Malandro sprang ihm bei: "Wir haben versucht das Luftschiff aufzuhalten."
"Eine gute Idee mit einer denkbar schlechten Ausführung", merkte Unterschnitt an. "Nicht nur, dass ihr es nicht geschafft habt, auch ... wurde Gunnar verletzt", wobei jeder wusste, dass er etwas Anderes meinte, denn sein Blick ruhte dabei auf dem errötenden Malandro.
"Vielleicht können wir dem Luftschiff noch folgen", versuchte Gunnar jetzt das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. "Dahinten wird gerade ein Ornithopter für den Abflug bereitgestellt."
"Das ist dann wohl meiner", mischte sich plötzlich eine neue Stimme ein. Alle drehten sich zu einem schlanken Mann um, der sich ihnen mit großen Schritten näherte.
"Ah, Herr Therond. Welch ein Zufall, dass es sie gerade an diesem Vormittag hierher verschlägt."
"Herr Unterschnitt, Herr Kargerheim, Wachtmeister! Wie sie sicherlich bereits vermuten, handelt es sich in diesem Fall weniger um Zufall, als vielmehr um die Absicht, die Bücher zu sichern, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit an Bord des fliehenden Luftschiffs befinden."
Für einen Moment blickten alle dem kleiner werdenden Luftfahrzeug nach, bis Gunnar fragte: "Warum fliegen die eigentlich nicht nach Westen?"
"Weil sie nicht nach Oravahl wollen, sondern dorthin, wo sie das Horn vermuten." Unterschnitt wandte sich wieder dem Botschafter der Hügelstätte zu.
"Mir scheint, dass der zeitige Abflug ihres Ornithopters an Bedeutung gewonnen hat."
"Dem Eindruck kann ich mich ebenfalls nicht vollständig erwehren, Herr Unterschnitt."
"Dann sollten wir uns besser zu ihrem wunderbaren Gefährt begeben."
"Verstehe ich sie richtig, sehr verehrter Herr Unterschnitt, dass sie davon ausgehen, mich begleiten zu können?"
"Oh nein, Herr Botschafter, der Gedanke liegt mir mehr als fern. Diese drei jungen Leute und, ah ja, der ehrenwerte Wachtmeister erscheinen mir besser für eine solche Expedition geeignet zu sein."
"Und warum, wenn ich fragen darf, sind sie der Meinung, dass ich diese Herren auf den Boden der Hügelstätte einladen würde?" Die Frage war im Ton ehrlichen Interesses gestellt, aber die Miene des Botschafters zeigte den Anflug eines amüsierten Lächelns, welches verriet, dass er die Konversation mit seinem Gegenüber als eine Art Spiel zu betrachten schien.
"Ich möchte doch behaupten, dass wir alle sehr von einer Zusammenarbeit profitieren würden. Immerhin sind sie als hügelstättischer Diplomat mit einem Interesse an gestohlenen Büchern mit dem Makel eines Verdachts belastet. Und da es auch für unser schönes Königreich von Interesse ist, die Diebe und Mörder zu fassen, wäre eine Zusammenarbeit von beiderseitigem Vorteil."
"Gewähren sie mir bitte einen Augenblick, mir ihren Vorschlag zu überlegen und die Vorbereitungen unseres Abflugs voranzutreiben." Mit einem leichten Heben seines Huts und einer angedeuteten Verbeugung wandte er sich ab und ging schnellen Schrittes auf das Fluggerät zu, das inzwischen auf das Flugfeld gezogen wurde.
"Äh, Apfelhelm? Aber er ist doch total verdächtig?"
"Ja, habe ich das nicht eben festgestellt?"
"Aber wie können wir ihm dann trauen? Und außerdem können wir doch mit deiner 'Methodik' ..."
Dies war der Moment, in dem der Magier seinen Lehrling mit einer hastigen und wenig zuvorkommenden Bewegung zur Seite zog.
"So sehr ich dein Talent schätze, Malandro, und auch deinen Eifer zu würdigen weiß, muss ich dir doch sagen, dass du leider zu unvorsichtig bist. Nicht nur, dass du meine Fähigkeiten vor einem Metrowächter andeutest, du hast auch noch in aller Öffentlichkeit gezaubert, was einer der Gründe ist, warum ich dich auf jenem Flug sehen will. Wir müssen dich für eine Weile aus der Schusslinie nehmen. Aber um auf deine Frag zurückzukommen: Kol Therond ist nicht nur der Botschafter der Hügelstätte, sondern auch ihr Spion, dem es in diesem Fall sicherlich um mehr geht als nur um ein paar Bücher. Wenn die Separatisten das Horn in die Hände bekommen, könnten sie ein gewaltiges Heer aus Untoten erschaffen, wenn wir denn den alten Legenden glauben wollen."
"Es hieß doch immer, dass es die Ahnen erwecken würde?"
"Und du bist davon ausgegangen, dass man sie als menschliche Krieger heraufbeschwören würde?"
"Ähm, weiß nicht, irgendwie ... ich glaube, ich habe mir da gar nicht so große Gedanken gemacht. Aber wenn der Therond ein Spion ist, warum sollten wir ihm dann mehr trauen?"
"Weil wir damit wissen, dass er keine solchen offensichtlichen Dummheiten begehen würde, wie einen Professor umzubringen. Er hat ein Interesse daran, so unauffällig wie möglich zu agieren."
Das beruhigte Malandro fürs erste, auch wenn ihm viel später bewusstwurde, dass jemand, der kein Aufsehen erregen wollte, trotzdem nicht davor zurückschrecken würde, Zeugen zu beseitigen, besonders, wenn sich diese sehr weit weg von ihrer Heimat befanden.

In der Zwischenzeit war Kargerheim zu seinem alten Kollegen, Hauptwachtmeister Albrecht, gegangen und hatte ein sehr langes und emotionales Gespräch mit ihm geführt. Vornehmlich war es um eine Freistellung Tiscios für eine Mission außerhalb des Königreichs gegangen. Albrecht hatte berechtigte Einwände vorgebracht hinsichtlich Tiscios Status als Anwärter, seines und des Alters seiner Freunde, der Verfügbarkeit besser ausgebildeter Metrowächter und Soldaten sowie der Verantwortung der Metrowacht für einen Minderjährigen.
Kargerheim hatte ruhig seine Gegenargumente vorgetragen. Das wichtigste war sicherlich gewesen, dass die Anwesenheit von xpochschen Soldaten oder Metrowächtern auf einem Hügelstättischen Ornithopter zu allen denkbaren und undenkbaren diplomatischen Komplikationen führen würde, die bestenfalls den Abflug verzögern würden, schlechtesten Falls jedoch das gesamte Unterfangen gefährdeten. Das geringe Alter der drei jungen Leute war in diesem Zusammenhang sogar von Vorteil, da man es leicht als eine Art Schulungsmaßnahme erklären konnte. Andererseits hatten die Jungs ja bereits bewiesen, dass sie die Gefahr nicht scheuten und mit schwierigen Situationen umgehen konnten, denen, da war Kargerheim sicher, einige seiner ehemaligen Kollegen hilflos gegenübergestanden hätten. Und um dem Problem der Verantwortung zu begegnen konnte man ja vielleicht einen Wächter mitschicken, zum Beispiel Wintur, der, soweit Kargerheim wusste, keine Familie hatte.
Es hätte sicherlich weitere Argumente gegen drei dahergelaufene junge Burschen geben können, aber der Hauptwachtmeister war müde und abgespannt und seinem alten Kollegen, der sich derzeit offensichtlich um weniger Probleme kümmern musste als Albrecht, an diesem Vormittag verbal nicht gewachsen.

"Aber ich habe meiner Mutter versprochen, heute Abend wieder da zu sein."
"Komm schon, Gunnar, das is' die Gelegenheit, in 'nem Ornidingser zu fliegen."
"Das weiß ich doch selbst, aber ich habe es versprochen."
"Das kannst du uns nicht antun. Wer soll uns denn sonst so richtig auf die Nerven gehen?"
"Das schafft ihr ganz alleine."
"Na gut: wer soll dann zwischen uns ausgleichen?"
"Der Wachtmeister? Herr Therond? Was weiß ich?"
"Wenn ich mich kurz einmischen dürfte, Gunnar?"
"Natürlich, Herr Unterschnitt."
"Ich habe soeben mit einem der unruhigen Herren dort drüben gesprochen", er deutete auf die Darndianer, die man inzwischen aufs Feld gesetzt hatte, "und er hat behauptet, dass die Suche nach dem Horn anscheinend die verschiedenen Fraktionen der Stadt bereits seit mehreren Monaten beschäftigt hat. Angeblich hat einer seiner Kommilitonen bei einem Ingenieur einen Gegenstand in Auftrag gegeben, der in der Lage hätte sein sollen, dieses sagenumwobene Artefakt ausfindig zu machen. Leider wurde der Ingenieur, kurz bevor er seine Erfindung fertig gestellt hatte, ermordet."
"Von den Oravahlern?"
"Die Identität der Mörder konnten sie nicht mit Sicherheit feststellen. Aus den verschiedensten, vermutlich historisch bedingten Gründen, vermuten sie jedoch, dass Mitglieder eben jener Volksgruppe dafür verantwortlich sind."
Alle schwiegen und warteten darauf, dass Gunnar die Nachricht verdaut hatte. Endlich stellte er mit für ihn ungewöhnlich kalter Stimme fest: "Die Oravahler haben meinen Vater umgebracht."
"Ja, mein junger Freund. Es macht tatsächlich den Anschein, als würdet ihr nicht nur einen, sondern gleich zwei Mörder verfolgen."

Gunnar hielt sich nicht einmal mehr damit auf, die Arbeiter dabei zu beobachten, wie sie die Flügel des Ornithopters auskurbelten. So schnell es ging, verstaute er seinen Neztwerfer im Gepäcknetz, was allerdings bedeutete, dass er zuvor noch die Ladehemmung beseitigte. Dass Unterschnitt ihm nachgerufen hatte, er würde sich um seine Mutter kümmern, hatte er schon gar nicht mehr wahrgenommen.
Insgesamt gewährte die Kanzel des Ornithopters acht Menschen Platz und tatsächlich waren alle Plätze besetzt. ganz vorne saß natürlich der Pilot, ein drahtiger Mann der vielleicht einmal gut ausgesehen hatte, dessen Gesicht jetzt jedoch von unzähligen Narben verunstaltet war.
Neben ihm hatte sich Kol Therond angeschnallt, der als Kopilot fungierte.
Die Plätze der zweiten Reihe besetzten der Mechaniker des Fluggeräts und der Buttler des Botschafters. Sie mochten sich vielleicht auf einer Mörderjagd befinden, was aber noch lange nicht bedeutete, dass ein Mann von Welt stillos reisen musste.
Gunnar, der es sich hinter dem Mechaniker so gemütlich gemacht hatte, wie man es sich auf einem harten Holzstuhl eben gemütlich machen konnte, hatte bisher noch nicht gewagt, den Mann anzusprechen, auch wenn er darauf brannte, ihm Fragen zu der Technik dieses Fahrzeugs zu stellen. Neben ihm saß Malandro, der, ebenso wie sein alter Freund Tiscio die ganze Sache für ein großes Abenteuer hielt. Wachtmeister Wintur hingegen versuchte angestrengt seinen metrowächterlichen Gleichmut zu behalten, was den Angstschweiß jedoch nicht aufhalten konnte.
Aber auch dem frohgesonnensten Reisenden in einem Ornithopter drückte der Magen gegen die Kehle, sobald die Maschine sich unter gewaltigen Flügelschlägen in die Luft erhob und dabei immer wieder hinuntersackte, sobald die Flügel zu einem erneuten Schlag anhoben. Nur Gunnar blieb von diesem Übel verschont, denn sein Grimm ließ nicht zu, dass er etwas Anderes spürte.

Die Jungen aus der Feldstrasse