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Xpoch 1860

Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 31


Sie bezogen ihren neuen Beobachtungsposten neben dem Eingang einer der Halle, deren Tor offenstand. Vor kurzem waren hier noch die Arbeiter durchgekommen, um irgendwelche Werkzeuge und Treibstoffe für die Luftschiffe zu holen. Inzwischen war es jedoch ruhig geworden, was sich jedoch schlagartig änderte, als mehrere Dinge nahezu gleichzeitig geschahen.
Es begann damit, dass sich ein kleiner Dampfwagen vom Hauptgebäude löste und in ihre Richtung fuhr. Nach allem, was sie erkennen konnten, schien es sich um einen Transporter zu handeln, der Gebäck zu dem Ornithopter bringen sollte.
Nur wenige Augenaufschläge später machte sich eine große Kutsche mit Fahrgästen zu den Luftschiffen auf, während vielleicht zwanzig Männer aus einem der Hangar hervorstürmte.
"Es ist fünf vor elf", stellte Wintur fest, als wollte er bestätigen, dass sich die erwarteten Ereignisse an einen vorgesehenen Zeitplan hielten.
"Und was machen wir jetzt?"
"Wir bleiben hier und beobachten." Es war kein Befehl, sondern eine Feststellung, die keine Widerrede zu dulden schien.
Also warteten sie. Genau zwei Minuten. Dann stürmte eine weitere Gruppe Männer aufs Feld und Chaos breitete sich aus. Zuerst glaubten sie, dass es sich um die Metrowächter in Zivil handeln musste, erkannten jedoch schnell, dass sie sich irrten, als sie das blinken von Stahl in den Händen der Neuankömmlinge sehen konnten. Die ersten von ihnen stürzten, und es dauerte einen Moment, bis die Beobachter erkannten, dass die Männer der ersten Gruppe, die inzwischen am Luftschiff angelangt waren, mit Bolzenschusspistolen und Handarmbrüsten auf sie schossen.
Gunnar löste sich von diesem Schauspiel und verschwand in der Halle hinter ihnen, wo er ein Seil entdeckt hatte, dass er wieder mit hinausnahm. Malandro sah ihn beinahe bewundernd an, denn dass sich der junge, rechtschaffene Altstädter einfach so fremdes Eigentum "borgen" würde, ohne zuvor zu fragen, hätte er nicht erwartet. Der Einfluss der Feldstraßler ließ sich tatsächlich nicht leugnen. Allerdings brachte Gunnar ihn damit auf einen Gedanken und auch er verschwand im Gebäude, um nach ein paar Gegenständen zu suchen, die er mit seinem neusten Zauber verwenden könnte.
Dadurch verpasste er allerdings das Auftreten der Metrowächter, die in diesem Moment damit begannen, von allen Seiten aufs Feld zu strömen. Allerdings waren sie zu spät, denn schon waren die Leinen des Luftschiffs gelöst und die Propeller gestartet.
"Warum fliegen die los? Merken die nicht, dass da gekämpft wird?"
"Vielleicht gerade deswegen."
"Ich glaube eher, dass die Oravahler das Luftschiff geentert haben und nun die Kontrolle besitzen."
"Aber die sind doch auch gerade erst gekommen."
"Wahrscheinlich waren bereits vorher einige von ihnen an Bord."
"Grubenschleim", ließ sich Gunnar zu einem der harmloseren Flüche hinreißen, und rannte aufs Feld, wo er auf Schussweite an das Luftschiff heranstürmte, sich breitbeinig hinstellte und prompt von einem Bolzen an der Seite gestreift wurde. Zuerst war er nur erschreckt, dass jemand auf ihn geschossen hatte, dann erleichtert, dass kein Geschoss in seinem Körper steckte. Schließlich setzte jedoch der Schmerz ein und er ließ sich zu Boden fallen, wo er sich so gut es ging zu einem Ball zusammenrollte, um möglichst wenig Angriffsfläche für weitere Bolzen zu geben.
Malandro war der nächste, der sich dem Befehl des Wachtmeisters widersetzte, und sich gleich darauf neben seinen Freund hockte.
"Wie schlimm?"
"Die haben auf mich geschossen!" brüllte Gunnar unter Tränen heraus. Als er zu Malandro hochblickte, war sein Blick jedoch entschlossen und die Tränen schienen die Wut in seinem Gesicht nur noch zu unterstreichen.
Malandro hatte nichts Brauchbares in der Halle gefunden, entdeckte jetzt jedoch Gunnars Seil. Mit einer wirbelnden Handbewegung wirkte er seinen Zauber, spürte mit einer Hand, die nicht seine eigene war, den Hanf zwischen den Fingern und schleuderte es in Richtung eines der Propeller des fliehenden Luftfahrzeugs. Zu seiner eigenen Überraschung traf er tatsächlich und konnte zufrieden beobachten, wie sich das Seil verhedderte. Nur Augenblicke später setzte jedoch die Enttäuschung ein, denn der Propeller zerriss das, was ihn hätte anhalten sollen.
"Döllmiger Griepsch!" fluchte Malandro, während sich Gunnar neben ihm wieder hinstellte. Erneut legte er an und diesmal gelang es ihm, ein Netz abzufeuern. Mit einem lauten Flupp verließ es das Rohr an seiner Seite, verfehlte das Ziel jedoch um einige Meter und fiel zu Boden.
"Danke, genau, was ich brauch'", grinste Mal und griff mit seinem Zauber diesmal nach dem Netz und warf es gegen den Propeller, an dem auch noch die Reste des Seils hingen.
Zwei Bolzen flogen in ihre Richtung, verfehlten sie aber mit genügend Abstand, dass die beiden sie nicht ernst nehmen mussten.
"Na, na, na, warte ... ja ... ja!" schrie der Zauberlehrling, als der Propeller mit einem Ruck stoppte und dabei ein krächzendes Geräusch ausstieß, welches kleine Wunden in Gunnars Erfinderseele schlug.
"Aua, da ist was kaputtgegangen."
"Noch eins, nicht nachlassen. Auf den anderen Propeller."
Gunnar gehorchte, aber statt eines weiteren Flupps war nur ein knacken zu hören, als wenn sich etwas in der Mechanik verhakt hätte.
"Vermaledeiter Grubenschleim!", kurbelte Gunnar die Schimpfwortspirale mit einen der schlimmsten Kraftausdrücke an, den er seit langem verwendet hatte.
"Was is'?"
"Verhakt!"
"Was bedeutet das?"
"Es geht nicht."
"Das sehe ich auch. Dann reparier es doch."
"Ja, sicher, unter Beschuss und bevor das Luftschiff fort ist. Kein Problem." Tiscio, der noch nie besonders viel mit Sarkasmus hatte anfangen können, hätte ihn in diesem Moment vielleicht aufmunternd angelächelt und Gunnar aufgefordert, sich sofort an die Arbeit zu machen. Aber Malandro war die letzten beiden Jahre durch die unterschnittsche Schule der Sprachfiguren gegangen. Und selbst wenn er vielleicht nicht alle benennen konnte, war er sich sicher, alle zu kennen und in der Lage zu sein, richtig auf sie zu reagieren.
"Dann gib mir nur ein Netz raus."
"Ist zugeschraubt. Hatte bei dem Druck Probleme mit den Schnellklemmen."
"Dann entkommen die aber."
"Wir haben doch noch die Luftschiffe des Heers."
"Aber die sind jetzt nicht hier."
"Die liegen über der Küste in Lauerstellung. Hauptwachtmeister Albrecht wollte sie außerhalb der Sichtweite haben", kamen jetzt die beiden Bertis hinzu. In Ermangelung jeglicher sinnvollen Handlung, die sie hätten durchführen können, war es Wintur klüger erschienen, wenigstens einen seiner Schutzbefohlenen in Deckung zu halten.
"Dann werden die eine Weile brauchen, um sie einzuholen."
"Wenn sie es überhaupt schaffen."
"Das sollte nicht so schwierig sein. Das Luftschiff fliegt nur mit halber Kraft."
"Stimmt, aber die Luftschiffe des Militärs sind auf Bewaffnung ausgelegt und nicht auf Schnelligkeit". stellte Gunnar fest. "Außerdem sind sie außerhalb unserer Sichtweite, was bedeutet, dass wir ihnen auch keine Flaggensignale geben können."
"Da sollte mal jemand etwas zur besseren Verständigung erfinden. Aber vielleicht können wir Unterschnitt ... Au! Wofür war das denn?" meckerte Malandro, als Tiscio ihn gegen den Arm schlug. Erst als der Jungberti die Augenbrauen hob, begriff Mal, dass er beinahe Unterschnitt Geheimnis verraten hatte. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass Wintur ihn misstrauisch musterte, und er begriff, wie leichtsinnig er mit seiner Zauberei gewesen war, zumal er damit nicht einmal viel erreicht hatte.
"Gresgors Pupse!" war daher das einzige, was ihm noch in diesem Augenblick noch einfiel.

Die Jungen aus der Feldstrasse