Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 17


Tiscios Tag begann wie jeder andere Tag bei der Metrowacht. Er meldete sich zum Dienst, bekam seine Einweisung und übernahm die ihm zugewiesenen Aufgaben. Der Tag nahm eine Wendung zum schlechteren, als Malandro erschien und ihm von den Ereignissen des Vorabends berichtete. Es waren nicht einmal Malandros Worte, obwohl sie ihn mitnahmen. Besonders als sein Freund von den Vermummten Eindringlingen zu erzählen begann stieg erneut ein Echo der Angst beim Kampfe mit den Neustädter Rittern in ihm auf.
Was jedoch seinen Tag vermiesen sollte, waren die Spinstereien, die sie danach anstellten.
"Wir müssen alles über sie herausfinden."
"Wahrscheinlich gibt es Spione der Kanacken an der Uni." Es war kein freundliches Wort für die Oravahler, aber Tiscio war nicht nach Freundlichkeiten zu Mute.
"Dann müssen wir sie aufspür'n."
"Wie sollen wir'n das hinkriegen? Wenn das Sektion 3 noch nicht weiß, dann kriegen wir es auch nicht hin." Es war ein offenes Geheimnis, dass die Metrowacht eine Abteilung besaß, die sich mit Spionage beschäftigte. Der Name war nicht einmal innerhalb der Metrowacht offiziell bestätigt, aber eine Bezeichnung war so gut wie jede andere und bei 'Sektion 3' wusste jeder, was gemeint war, auch wenn es in den Köpfen der Xpochler gleichermaßen den Geheimdienst des Heers kennzeichnete. Wenn es um Geheimdienste ging, verschwammen die Unterschiede.
"Wenn da wirklich ein Spion ist, und er das weiß, was er erfahren wollte, dann wird er jetzt wahrscheinlich abgehauen sein. Wir müssten also nur eine Liste aller kriegen, die sich frei genommen haben, krank sind oder so nicht mehr kommen."
"Das könnte ich in Erfahrung bringen. Ich gehe zu Albrecht, meinem Hauptwachtmeister."
"Ich weiß, wer Albrecht ist. Du erzählst ja oft genug von ihm."
"Dann sehen wir uns heute Abend."

Und damit nahm das Unglück seinen Lauf.
"Wachtmeisteranwärter Canil. Was ist diesmal so wichtig, dass es nicht mit Wachtmeister Tiefrash besprochen werden konnte."
Die Anwesenheit des Wachtmeisters aus der legendären Wächterfamilie, die ihn allen den Spitznamen verliehen hatte, genügte bei Tiscio, um ihn ein wenig unruhig zu machen. Ansonsten hätte er vielleicht den scharfen Unterton bemerkt und wäre etwas vorsichtiger mit seinen Fragen gewesen.
"Es geht noch einmal um den Mord an Professor Ulfhaus."
"Natürlich geht es darum. Wegen einer Streifenrute kommen ja hoffentlich nicht einmal sie zu mir."
"Wir haben gestern zusammengesessen. Und da haben wir gedacht, dass der Täter vielleicht aus der Uni is' und dann wäre er vielleicht geflohen und dann müssten wir alle überprüfen, die nicht da sind. Und dann müssten wir nur eine Liste haben."
Der Hauptwachtmeister schwieg für einen Augenblick, um seine nächste Frage mit betont ruhiger Stimme zu stellen.
"Was ist die erste Regel, wenn es darum geht, wer der Täter sein könnte, Wachtmeisteranwärter?"
"Ähm, Verwandte? ... aber die hat er alle nicht."
Immer noch sehr ruhig korrigierte der schwere Mann vor ihm die Antwort:
"Leute aus der nächsten Umgebung." Mit den nächsten Worten mischte sich jedoch eine gewisse Schärfe in die Stimme: "Und was glauben sie, was wir, die Metrowacht, in den letzten Tagen gemacht haben, während sie mit dem verehrten Herrn Unterschnitt herumgehangen haben?"
In den nächsten Stunden hatte Tiscio genügend Zeit, sich darüber zu wundern, warum er in diesem Moment nicht den Mund hatte halten können.
"Sie haben schon eine Liste gemacht, Herr Hauptwachtmeister? Das ist ja Prima, dann können wir sie Herrn Unterschnitt geben."
Für einen kurzen Moment kniff sein Gegenüber die Augenzusammen. Gerade so lange wie sein Blut benötigte, in großer Menge in sein Gesicht zu strömen und seine Stimmbänder auf Hochtouren zu bringen.
"Tiefraaaaash! Ich glaube, die Latrinen müssen dringend gereinigt werden!"
Den Rest des Tages verbrachte Tiscio damit, die sehr modernen aber überaus häufig verwendeten Toiletten in den oberen Stockwerken sowie die altertümlichen Pisspötte der Gefängnisse im Keller auf Hochglanz zu polieren.

Gunnar hätte den Beginn seines Tages mit dem Tiscios verglichen, zumindest was die Frustration anbetraf. Aus irgendeinem Grund hatten er und seine Freunde nie mehr über die Bücher, die er ausleihen wollte, gesprochen. Deshalb ging er gleich morgens zur Bibliothek und wo er erst jetzt von dem Bibliothekar erfuhr, dass die Bücher natürlich bei der Metrowacht lagen.
"Was eine Schande ist. Mir geht es ja gar nicht um die Bücher, die der Professor aus dem Ausland geholt hat, obwohl ich da auch gerne einen Blick hineinwerfen würde. Aber die Bücher, die er unerlaubt mit nach Hause genommen hat fehlen uns doch sehr."
"Aber warum haben sie mir nicht gestern schon gesagt, dass die Bücher bei der Metrowacht liegen?"
"Sie wollten sie vormerken. Das haben sie getan. Was wollen sie mehr?"
"Ich will die Bücher studieren."
"Aber sicher doch nur für ihr Privatinteresse. Ich wüsste nicht, dass das Kurrikulum dieses Jahr eine Lesung zu irgendwelchen mystischen Themen angesetzt hat. Auch von einer Arbeit zu diesem Thema ist mir nichts bekannt. Und ich sollte es wissen. Atlanten haben wir ebenfalls genügend. Haben sie einfach etwas Geduld."
Zwei Gedanken schossen Gunnar in diesem Moment durch den Kopf. Der erste war die Überlegung, ob er den Bibliothekar in die Bedeutung der Bücher für die Aufklärung der Morde einweihen sollte, der zweite, ob er zu viel Zeit mit Tiscio verbracht haben könnte, denn er verspürte einen beinahe unwiderstehlichen Drang, den Mann zu schlagen. Ersteren verwarf er, da er keine Gerüchte in die Welt setzen wollte. Für den zweiten fand er eine Lösung in Tiscios Verhalten indem er die Hände zu Fäusten ballte, sich einfach umdrehte und die Bibliothek verließ.
Nachdem er vor der Tür feststellte, dass er für seine eigentlichen Studien ebenfalls in den Bücherregalen der Hallen hinter ihm hätte stöbern müssen, entschied er, dass es besser sei, zurück in die Werkstatt zu gehen, um dort ein paar Aufträgen abzuarbeiten, die in den letzten Tagen liegen geblieben waren.
Für wen genau es besser war, wollte er nicht entscheiden.

Tiscios Gedanken waren während der langen, stupiden Arbeit auf Wanderschaft gegangen und am Ende seines Dienstes mit der Entscheidung zurückgekehrt, dass es so nicht weitergehen konnte. Wenn er sich nicht in den Griff bekam, würde es nicht mehr lange dauern, bis die Metrowacht ihn wegen Unfähigkeit oder Insub ..., mhm, Ungehorsam vor die Tür setzte. Er brauchte Hilfe. Es fiel ihm nur ein Mensch ein, dem er in diesen Angelegenheiten genug vertraute, dass er ihm sein Herz ausschütten konnte, und der dazu auch noch wusste, wovon er sprach.
"Ich hab' da ein Problem. Immer denk' ich, ich hätt' den Dreh raus. Dann sag ich was und schon putz' ich wieder Latrinen. Is' nich' mal so, dass ich's nich' ahn, was gleich passiert. Aber ich merk's halt zu spät. Ich lern's einfach nich'."
"Dann erzähle mir mal, was geschehen ist." Kargerheims Stimme war wie immer sachlich, enthielt aber einen leisen Unterton, von dem jeder, der ihn kannte, wusste, dass es sich um Mitgefühl handelte. Sie hatten sich in die Stube gesetzt, nachdem Tiscio seinen Mentor und Gastgeber um eine Unterredung gebeten hatten. Nun nahm der ehemalige Berti seinen Becher voll heißem Panas in die linke und ließ ihn nicht mehr los, bis Tiscio mit dem Bericht über seine letzte Unterredung mit dem Hauptwachtmeister geendet hatte. Den rechten Arm hatte er vor langer Zeit bei einem Kampf mit einem Dämon verloren und trug für gewöhnlich einen dampfgetriebenen Arm als Ersatz. In seinem Haus verzichtete er jedoch darauf, weil die Gurte scheuerten und seine Frau den Dampf in der Stube nicht ausstehen konnte.
Schließlich setzte er seinen Becher vorsichtig ab und ließ das einsetzende Glucksen in ein schallendes Gelächter übergehen, das seinen ganzen Körper schüttelte. Tiscio hatte anfänglich befürchtet, er würde jetzt auch von Herrn Kargerheim eine Standpauke zu hören bekommen, da er die aufsteigende Röte missverstanden hatte.
"Ach Tiscio", brachte der ältere Mann schließlich heraus. "Es macht den Eindruck, dass du noch nicht verstanden hast, in welcher schwierigen Position du dich befindest." Er nahm seinen Becher wieder auf, warf einen Blick hinein und stellte ihn wieder weg, bevor er sich in dem Sessel zurücklehnte.
"Hast du nicht bemerkt, dass die Metrowacht Herrn Unterschnitt meidet wie die Jungfrau das Kind?"
"Ich hatte immer den Eindruck, dass sie gut zusammenarbeiten."
"Das tun sie, zumindest aus Sicht meines Freundes. Aber du musst begreifen, dass Apfelhelm Unterschnitt niemals für die Metrowacht arbeitet. Er wird von einflussreichen Mitgliedern unserer Gesellschaft beauftragt, die Ergebnisse sehen wollen. Meine ehemaligen Kollegen wissen, dass sie ihn unterstützen müssen, wenn sie nicht von einem ihrer Vorgesetzten ganz weit oben herbeizitiert werden möchten. Am Ende löst er auf für sie unerklärliche Weise einen Fall, an dem sie sich die Zähne ausgebissen haben. Nicht, dass sie ihn nicht ebenfalls hätten lösen können, aber er kommt ihnen zuvor. Er heimst den Ruhm ein und erhält für etwas eine Bezahlung, dass für sie zur täglichen Arbeit gehört. Sie unterstützen ihn und er lässt sie schlecht aussehen. Er lässt euch schlecht aussehen."
"So hab' ich das nie gesehen."
"Du hast ja auch immer für Unterschnitt und mich gearbeitet."
"Warum sind sie dann nicht auch sauer auf sie?"
"Ich habe einen Ruf. Außerdem bin ich es, der Apfelhelms Ergebnisse auch schon mal an meine ehemaligen Kollegen zurückgibt, bevor der Fall gelöst ist."
"Aber was soll ich denn jetzt machen?"
"Du musst dich entscheiden, für wen du arbeitest."
Tiscio ließ sich im Sessel versinken. Natürlich wollte er weiterhin an all den spannenden Fällen beteiligt sein, in die Gunnar und Malandro automatisch hineinrutschten. Außerdem fürchtete er, dass er seine Freunde verlieren würde, wenn sie plötzlich auf unterschiedlichen Seiten eines unerklärten Wettstreits standen. Andererseits ...
"Ich will die Uniform nicht ausziehen."

Tiscio kam erst spät zur Walkriede und seine Freunde überzogen ihn mit dem gebührenden, freundschaftlichen Spott.
"Hatte 'nen bastigen Tag."
"Das entspricht der allgemeinen Stimmung."
"Hej, immerhin hat Apfelhelm im Klub nachgefragt."
"Allerdings hat er auch gesagt, dass der Besuch vom Roten Edikt alles erheblich verkompliziert. Wir sind bei null. Ach was sage ich: Wir sind bei minus zehn."
"Du mit deinen Rechnungen? Was soll das denn jetzt wieder heißen."
"Ist doch egal. Wichtig ist doch nur, dass wir keine Ahnung haben. Hast du wenigstens die Liste bekommen? Du weißt schon, von vorhin?"
"Deswegen war der Tag so bastig." Seine Freunde brauchten ihn nicht erst zu bitten, ihnen seine Geschichte zu erzählen, denn selbst nach seiner langen Sitzung mit Herrn Kargerheim saß der Frust immer noch tief.
"Großartig! Keine Liste, keine Bücher und keine Spuren. Gunnar hat Recht. was immer auch minus zehn bedeuten soll." Malandro ließ seinen Kopf nach vorne sinken, hob ihn dann jedoch schnell wieder, als ihm eine Idee kam. "Ich weiß, was wir machen: Wir geh‘n zur Uni und lass‘n uns die Liste noch einmal aushändigen. Wir haben ja einen Berti dabei."
"Ich bin in Zivil, Mal. Außerdem hat Kargerheim gesagt, dass ich mich entscheiden muss." Er zog die Schultern hoch. "Muss halt alles mit meinen Leuten teilen."
"Das kannst‘e doch nicht! Die Bertis schaffen doch nichts. Das kann nur Apfelhelm lösen. Die haben doch noch nie was gelöst."
"Meinst du, wir sind besser als Bertis? Schett! Ich bin ein Berti!"
"Wir sind schon drei Tage im Rückstand. Und wer weiß, was der Prof denen gesagt hat. Da könn' wir keine Rücksicht auf die Bertis nehmen."
"Aber die Metrowacht hat die Liste."
"Und deswegen lehn' wir uns jetzt zurück und lass'n die Bertis alles machen?"
"Natürlich nich'! Aber deswegen ist die Metrowacht nicht inklom ... inkamm ..."
"Inkompetent?" warf Gunnar vorsichtig ein und wich geschickt dem nahezu tödlichen Blick aus. Er nahm Tiscios Ärger gern in Kauf, da auf diese Weise der Streit unterbrochen wurde, bevor die beiden sich mal wieder in etwas verrannten und erst nach Tagen wieder miteinander sprachen.
"Gehst du jetzt zur Uni?" fragte Malandro schließlich etwas ruhiger.
"Nein."
"Ihr seid solche Nuttnasen, wenn ich mir das Wort ausborgen darf." Gunnar grinste. Manchmal genoss er es, geschwollen zu reden. "In der Universität erreichen wir jetzt doch sowieso niemanden mehr, der uns helfen kann. Außerdem brauchen wir doch nur zum Dekan zu gehen, und der lässt uns eine neue Liste erstellen."
Jetzt sah nicht mehr nur Tis ihn aufgebracht an. Seine beiden Freunde hatten selten Anlasse, sich über ihn zu ärgern und Gunnar genoss jede Sekunde. Er entschloss sich sogar, noch einen draufzusetzen:
"Das Problem mit der Metrowacht besprechen wir mit Unterschnitt. Er kann uns sicher sagen, wie wir mit ihr umgehen sollen und was wir ihnen sagen können, ohne dass Tis sich schlecht dabei zu fühlen braucht."

Wie eine gute Freundin Tiscios gesagt hätte, gab es keine bessere Zeit als das Jetzt. Keiner der drei mochte Sinnsprüche dieser Art. Trotzdem konnten sie nicht leugnen, dass man vieles besser gleich erledigte, weswegen sie ihren Besuch in der Kneipe kurz hielten, um sich ein weiteres Mal von Soldrang die Tür öffnen zu lassen.
"Ist Apfelhelm da?"
"Herr Unterschnitt ist Beschäftigt und hat strikte Anweisungen gegeben, dass er nicht gestört werden will." Anders als seine Freunde wusste Malandro sehr genau, was Soldrangs Worte bedeuten. Allerdings konnten die beiden sich bald ihren Teil denken, während sie in der Küche saßen und sowohl dem rhythmischen Hämmern als auch den verschiedenen Ausrufen lauschten. Sie gossen sich Wasser ein und warteten, bis ihr Gastgeber endlich eine Pause machte. Wie immer kam er mit entspannten Schritten in die Küche hinunter, diesmal jedoch in einem halboffen Hausmantel, der bei jedem Schritt Gefahr lief, auseinander zu rutschen und seine Nacktheit preiszugeben. Er begrüßte die Jungs mit einem Lächeln und stellte sich an den Herd, um sich und wen immer er in seinem Zimmer zurückgelassen hatte, ein paar Spiegeleier zu braten. Dabei hörte er sich die Berichte seiner Gäste an, antwortete aber erst, als ihr Wortstrom versiegte.
"Ich kann euch nur zustimmen, dass eine derartige Liste sehr nützlich wäre, vor allem, da ihr sie euch so leicht erstellen lassen könnt. Zu Tiscios Problem kann ich wenig sagen. Wir sind natürlich alle treue Bürger Xpochs und als solche verpflichtet, der Metrowacht zu unterstützen, so gut es uns möglich ist. Du solltest deinen Vorgesetzten auf jeden Fall nichts vorlügen und alles berichten, was sie ohne weiteres auch ohne dich herausfinden können und werden. Nur bei den Quellen musst du natürlich weiterhin vorsichtig sein."

Die Jungen aus der Feldstrasse