Die Brennerbande, Teil 94


Als Der Hausherr eine Weile nichts mehr gesagt hatte, wandte sich Tiscio an Gunnar:

"Sag mal, kann dein Vater nich' ein paar Waffen bauen? Irgendwas, das gegen Dämonen hilft?"

"Du willst meinen Vater fragen, ob er uns Waffen baut?" Gunnar brauchte einen Augenblick, bis er die Frage verdaut hatte. Es fielen ihm augenblicklich etliche Antworten ein, die jemandem, der in der Feldstraße geboren worden war, herausgeplatzt wären. In Anbetracht der blauen Flecken an seinen Oberarmen sagte er nur vorsichtig: "Mein Vater machte die letzten Tage nicht den Eindruck, als wenn er es gern sehen würde, was wir hier tun."

Der andere Feldstraßler zögerte kurz und wandte sich an seinen Gastgeber.

"Herr Unterschnitt. Wenn sie Herrn van der Linden nach Waffen fragen würden, dann würde er sie doch bestimmt bauen, nich'."

Der Detektiv ließ sich Zeit mit einer Antwort und nahm einen weiteren genüsslichen Schluck aus seinem Krug.

"Seid ihr wirklich bereit, gegen die Dämonen zu kämpfen?" Als er sah, dass Tiscio sofort mit ein paar tapferen Worten zustimmen wollte, hob er die Hand und fügte hinzu: "Und denkt nach, bevor ihr antwortet."

"Ein bisschen Angst habe ich schon", traute sich Gunnar schließlich zu sagen, obwohl er gewünscht hätte, mutiger sein zu können. Um jedoch Tiscio gegenüber nicht zu schlecht dazustehen, ließ er noch ein leises "ich werde aber kämpfen, wenn es sein muss" hören.

Tiscio hingegen verschränkte die Arme und schmollte: "Hab keine Angst!"

Er brauchte Unterschnitt nicht anzusehen, um zu wissen, dass der Mann lächelte.

"Und woher wollt ihr das Geld für solche Erfindungen nehmen?"

Die beiden Jungs sahen sich an, bis Tiscio zugab: "Wir dachten, nun ja, mhm, sie sind doch reich?"

Zu ihrer Überraschung lachte Herr Unterschnitt. "Ich bin gewiss nicht reich. Und diese ganze Sache macht mich auch nicht gerade reicher. Habt ihr eine Ahnung, was es mich kostet, so viele zusätzliche Esser zu beherbergen?" Er blickte zum Küchenfenster hinaus. "Und hierfür werde ich sehr wahrscheinlich auch kaum Lohn erhalten, oder wollt ihr mir etwas für meine Beteiligung an der Suche nach eurer Priesterin zahlen?"

Beide schüttelten heftig den Kopf.

"Aber wie können wir denn sonst an Geld kommen?"

"Ihr arbeitet."

"Bis wir da genuch ham, ham die Dämonen alle umgebracht."

"Du kannst sie ja mit Silbermünzen bewerfen."

"Mensch Gunnar. Spinn nich' rum."

Es wurde still um den Tisch. Schließlich brach Tiscio die Stille mit einer der vielen Fragen, die ihm durch den Kopf schossen. Nicht unbedingt die wichtigste Frage, aber eine, die ihn beschäftigte.

"Wie lang ham wer noch bis zum Versuchungstag?" Er blickte Gunnar an, der kurz zur Decke aufsah. "17 Tage. Warum?"

"Ach nur so. Is halt auch was mit Dämonen und wir könn' nich' ausm Haus."

"Wenn wir bis zum zehnten nächsten Monats nicht diesen Fall gelöst haben, würde ich mir keine Gedanken mehr über den Versuchungstag machen. Mit der Frequenz, mit der die Anschläge derzeit erfolgen, wird Xpoch zu jenem Zeitpunkt bereits in Chaos versunken sein. Deswegen müssen wir dringen diesen mysteriösen Dietstedt finden." Unterschnitt sprach diese Worte gelassen aus, dabei war doch allen bewusst, wie ernst sie waren.

"Euch ist hoffentlich klar, dass wir keine Beweise gegen die Dämonen haben und vor allem erst Dietstedt benötigen. Erst wenn wir ihn haben, können wir den Auftraggeber herausbekommen. Und vor allem können wir weitere Anschläge verhindern."

Gunnar nickte, während Tiscio immer noch an den Gedanken festhielt, wie man Dämonen besiegen konnte.

"Herr Unterschnitt, wäre es vielleicht möglich, den Mützenmann, diesen Arbam, freizulassen. Dann könnte man ihm folgen und dann geht er zu seinen Leuten und, na ... dann können wir von da ..."

Gunnar stockte unter dem Blick des Detektivs.

"Sehen wir jetzt einmal davon ab, dass ihn die Metrowacht niemals laufen lassen würde und wir ihn daher aus dem Gefängnis ausbrechen müssten, glaubst du tatsächlich, er würde zu seinen alten Kumpanen zurückkehren? Sag mir Gunnar, was würdest du tun, wenn deine überaus gewalttätigen Freunde dächten, dass du sie verraten hättest?" "Ich würd mich verpiss'n", antwortete Tiscio an Gunnars statt.

"Das sehe ich genauso. Er würde nicht zu seiner Zelle zurückkehren. Und selbst wenn er es täte, wäre er vermutlich schneller tot, als wir Zeit gehabt hätten, bei ihm zu kommen."

Erneut schwiegen sie für einen Moment.

"Was wird die Metrowacht mit ihm tun?"

"Sie werden ihn befragen, Gunnar. Sie werden nicht zimperlich mit ihm umgehen. Vermutlich werden sie all jenes von ihm erfahren, was wir bereits wissen. Vermutlich werden sie anschließend auf die Such nach Theobeth, Phiben und Saer gehen, wenn das denn wirklich die Namen seiner Freunde sind."

Selbst wenn Unterschnitt vielleicht gehofft hatte, dass Tiscio inzwischen auf andere Gedanken gekommen sein mochte, hakte der Feldstraßler noch einmal nach.

"Wenn's nun dann doch Dämonen sind? Könn' se vielleicht Herrn van der Linden 'n Auftrag für 'n paar Waffen geben? Damit wir auf'r sicheren Seite sind?"

"Du kannst dich einfach nicht von dem Thema trennen, oder? Nun gut. Sollte es soweit kommen, ist es vielleicht nicht das Verkehrteste, vorbereitet zu sein. Und vermutlich tut uns ein abendlicher Spaziergang ganz gut." Was eine stattliche Lüge war, wenn man bedachte, dass jeder von ihnen den ganzen Tag durch die rußgeschwängerten Straßen gelaufen war.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 04