Die Brennerbande, Teil 86


Es dauerte eine Weile, bis alle es begriffen hatten. Sie sahen sich um, obwohl sie wussten, dass sie sie nicht sehen würden.
"Frau Hereler war eine Bardame im Hafen, oder?" Tiscio erinnerte sich an die kräftige, laute Frau, bei der man immer den Eindruck hatte, sie könnte es mit einem Bären aufnehmen sowie die stärksten Seeleute unter den Tisch trinken.
Walde nickte nur.
"Und was jetzt?"
"Was meinst du, Tiscio?" Gunnar war noch bei den Dämonen.
"Die Geister", Walde warf ihm einen bösen Blick zu, "ich meine, Frau Friedschiker und Frau Hereler ham doch was, damit sie keine Geister mehr sind."
Walde lauschte. "Sie wissen es nich‘, Tiscio."
"Standen sie nich' auf'er Liste?"
Walde nickte.
"Und warum ham sie sich dann nich' versteckt."
Erneut lauschte Walde und blickte zwischen zwei Punkten im Raum hin und her. Malandro und Walmo rückten ein wenig von diesen Punkten ab.
"Ich kann das nich' so schnell sag‘n", unterbrach Walde anscheinend den Fluss an Worten, die die anderen nicht hören konnten.
"Ja, ich sag‘s ihnen." Sie wandte sich wieder den andern zu: "Frau Hereler hat gesagt, dass sie das nich' geglaubt hat, Herr Unterschnitt und so. Und Frau Friedschiker sagt, sie hatte zu tun."
"Das ist Unglücklich", ließ sich Soldrang hören und verschwand die Treppe hinauf.
Tiscio blickte dem Mann nach, während Walmo bemerkte: "Kann doch nich' wahr sein."
"Was ist dann mit den anderen?"
"Mit welchen anderen?"
"Auf der Liste. Die, die Tiscio und Walde gemacht haben."
"Wieso? Sind doch zu all'n Boten gelaufen."
"Wenn die es aber auch alle nicht glauben?"
Gunnars Worte ließ die anderen nachdenklich schweigen, bis drei Männer die Treppe herunterstolperten. Der erste wurde von dem folgenden am Kragen nach vorne gestoßen. Sein Gesicht, und, so wie er sich bewegte, auch sein Körper, hatten bessere Tage gesehen. Wo es nicht geschwollen war, blutete es. Er konnte kaum ein Auge offen halten. Als er von Soldrang, der ihn die Treppe heruntergebracht hatte, auf einen freien Stuhl geworfen wurde, fielen seine Hände auf die Tischplatte und sie konnten sehen, dass auch sie zerschunden waren.
Als letztes kam Herr Unterschnitt in die Küche. Auch ihm konnte man Spuren eines neuerlichen Kampfes ansehen, er schien sich jedoch erheblich besser geschlagen zu haben.
Trotz seines mitgenommen Aussehens erschien er den Feldstraßlern wie ein leuchtender Ritter aus den alten Legenden ihrer Kindheit, bevor sie wussten, dass Ritter nicht glänzten. Denn inzwischen hatte Malandro den Mann erkannt und die anderen errieten, wer er sein musste, als Herr Unterschnitt den Schüffler neben den Eingang legte.
Ihr Gastgeber ließ sich auf einem Stuhl neben dem Mützenträger nieder. Die Köchin brachte ihm sofort einen heißen Panas, der bereits den halben Tag auf dem Herd geköchelt hatte. Er nippte genüsslich daran und nahm auch das Rührei dankbar entgegen. Während er aß, hielt Soldrang den Mann in Schach. Unterschnitt ließ sich unterdessen durch keine der vielen Fragen stören, die die Feldstraßler an ihn richteten, bis er aufgegessen hatte.
"Soldrang, guter Mann, bring bitte Herrn Arbam auf mein Zimmer und fixiere ihn dort gut."

Sobald sie gehört hatten, wie sich die Tür zu dem Schlafzimmer schloss, setzte Unterschnitt sich auf und wurde ernst.
"Ihr habt gestern Nacht sehr viel für mich getan. Ihr habt mir gegen die Marodeure geholfen, den Kapitän getroffen und auch noch die Spur diese Verbrechers", er deutete nach oben, "aufgenommen. Ich brauche jetzt noch einmal eure Hilfe." Er blickte sich um und die Feldstraßler nickten, während Walde ihn nur groß ansah. "Ich vermute, ihr kennt das Spiel 'guter Berti - böser Berti'?" Er wartete nicht einmal auf eine Antwort. "Wir werden zur nächsten Stunde hoch gehen und Herrn Arbam verhören. Ihr werdet dabei feststellen, dass ich ein wirklich böser Berti sein kann. Ich fühle mich nicht den Regeln der Metrowacht verpflichtet. Und es mag sein, dass ihr anschließend schlechter von mir denkt. Aber ich brauche euch, um mein guter Berti zu sein. Habt ihr verstanden?" Wieder nickten sie. "Ihr könnt jeder Zeit einschreiten. Ihr müsst sogar, versteht ihr? Ich erwarte von euch, dass ihr mich zurückhaltet. Sogar indem ihr mich festhaltet."

Die Feldstraßler fühlten sich nicht wohl, allein mit dem berühmten Detektiv an einem Tisch, einfach nur schweigend. Deswegen begannen sie damit das zu tun, was sie immer taten, wenn sie unsicher waren: sie plapperten.
Sie begannen damit, dass sie mal wieder ihre Eltern besuchen sollten und ob das vielleicht zu gefährlich wäre. Weiter ging es mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze. Sie waren nicht in der Fabrik oder beim Schlosser erschienen. Mit etwas Glück konnten sie sich vielleicht neu bewerben und vielleicht konnte Malandro sich entschuldigen, es sah jedoch nicht gut aus. Zu diesem Zeitpunkt war Malandro allerdings auch schon mit dem Kopf auf dem Tisch eingeschlafen..
Tiscio und Gunnar hatten sich bisher nicht an dem geplappere beteiligt. Beide konnten sich nicht an diesen Problemen beteiligen, da es nicht ihre Probleme waren. Das gab Tiscio genug Zeit, sich mit dem zu beschäftigen, was sie gerade von Walde gehört hatten.
"Was is' wenn Vilet tatsächlich Dämonen vertreiben kann?" Die anderen unterbrachen ihr Geplappere. Auch Herr Unterschnitt wandte seinen Blick Tiscio zu, auch wenn sich sein Gesichtsausdruck unverändert blieb.
"Ich mein', was wenn ihr Glaube sie schützt? Wenn ihre Rituale wirklich wirken?"
"Dann wäre sie sehr gefährlich für die Dämonen, oder?" Gunnar fühlte sich nicht wohl mit dem Übernatürlichen. Walter hingegen, der genügend der Unholde in der Kurzengasse gesehen hatte, hatte kein Problem damit, fand die Vorstellung, dass eine alte, freundliche Frau, gegen sie bestehen konnte, allerdings etwas gewöhnungsbedürftig
"Aber warum glaubst‘e, dass sie das kann?"
"Sie kann alles Mögliche. Ich weiß es. Sie hat's nur nie zugegeben. Ich hab mich immer gewundert, wie das alles war, als die Ritter bei uns eingebrochen sind. Hab sie gefragt und sie hat mir irgendwelche Ausreden erzählt."

In diesem Moment schlug der Gong die Stunde und Unterschnitt erhob sich: "Das war sehr interessant und jetzt haben wir etwas zu tun."
Tiscio wollte noch etwas sagen, aber Unterschnitt verließ bereits die Küche. Die anderen folgten ihm, Malandro etwas schwankender als seine Freunde, da Walter ihn recht unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte. Gunnar klopfte Tiscio auf die Schulter, was sich für beide seltsam anfühlte, da Gunnar sich ziemlich strecken musste und die Geste unvertraut war.

Herr Arbam saß auf einem Stuhl in der Mitte des Raums. Soldrang hatte eine Wachsdecke unter ihm ausgebreitet, was nichts Gutes verhieß. Alle Gaslampen waren entzündet, so dass der Raum heller erleuchtet war als bei Tageslicht. Herr Unterschnitt ging zu seinem Sekretär, öffnete nacheinander zwei Schubladen und entnahm ihnen eine kleine Tasche und eine Kästchen, dass allem Anschein nach ein Nähkästchen zu sein schien. Er öffnete beides und breitete einige Dinge aus, die die Feldstraßler nicht auf anhieb erkennen konnten.
Die Jungs hatten sich im Zimmer verteilt, Malandro und Walmo lehnten am Bett, Tiscio und Walter am Regal neben der Tür und Gunnar an der Tür selbst.
Sie hätten erwartet, dass der Gefangene sich wehren, einige tapfere Sprüche von sich geben würde. Vermutlich war er jedoch zu angeschlagen, um eine tapfere Vorstellung zu geben.
Unterschnitt drehte sich langsam um. Er hielt eine lange Nadel in der Hand, wie man sie für Lederarbeiten verwendete.

Was folgte, würden die Feldstraßler, trotz allem, was sie in ihrem weiteren Leben noch erlebten, nicht vergessen. Herr Unterschnitt verwendete die Nabel an der Hand des Bombenlegers. Er schien einen gewissen Sadismus zu besitzen. Und nach kurzer Zeit kam tatsächlich der Augenblick, dass die Feldstraßler ihren Gastgeber zuerst verbal und schließlich körperlich zurückhalten mussten. Glücklicherweise dauerte es nicht lange, bis Herr Abram zusammenbrach.
Er gestand soviel er konnte. Er erzählte von der Arbeit seiner Kammeraden, wie sie als kleine Separatistengruppe, eine von vielen, den Untergang des Reiches planten und versuchten, mit allen möglich Mittel, Chaos zu stiften. Ihr Anführer, ein gewisser Dietstadt hatte angeblich vor kurzem einen neuen Geldgeber gefunden. Seitdem hatte sich das Ausmaß der Vernichtung, die sie anrichten konnten, vervielfacht.
Augenscheinlich war er nur ein kleines Rad im Getriebe, auch wenn er eine Bombe gelegt hatte. Für die Ermittlungen war es jedoch ein Einstieg.

Nach drei Stunden waren sie fertig. Unterschnitt rief nach Soldrang, der den Gefolterten zur Metrowacht bringen sollte. Als Unterschnitt den Raum verließ, wichen die Feldstraßler ungewollt weit aus seinem Weg ab, weiter, als es erforderlich gewesen wäre.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 04