Die Brennerbande, Teil 75


"Guten Tag, Herr Vater."
"Hallo Gunnar. Jungs." Herr van der Linden nickte den Feldstraßlern zu. "Ihr seid spät dran."
"Ich weiß Vater. Wir hatten einen langen Abend gestern." Gunnars Vater zog die linke Augenbraue hoch und er richtete sich zur vollen Größe auf, als er dies hörte. Er war kein bedrohlicher Mann, aber er konnte sehr streng werden.
"Wir haben nur Herrn Unterschnitt geholfen. Ehrlich." Herr van der Linden ließ seinen Blick einmal über die Gesichter der jungen Männer wandern, bevor er antwortete: "Dann ist ja gut. Aber deine Mutter hat sich Sorgen gemacht, als du heute nicht bis zum Tempelbesuch zuhause warst."
"Entschuldigt, Vater. Wir mussten noch sehr viel überlegen und es gab so viel zu tun."
"Du gehst besser auch gleich zu deiner Mutter. Der Tempelbesuch liegt ihr doch sehr am Herzen."
"Ja, Herr Vater."
"Mhm. Herr van der Linden," mischte sich Malandro ein.
"Ja, Junge?"
"Der Schnüffler ..."
"Der dreifach pneumatischen Dampfschnüffler?"
"Äh, ja, der. Er kann auch Sprengstoff schnüffeln, oder?"
Der Ausdruck auf dem Gesicht von Gunnars Vater wechselte von Verblüffung zu ernsthafter Irritierung. Nach einer Pause, in der er sich die Jungs und die verschmutzten, ehemals weißen Hemden noch einmal betrachtete, deutete er auf die Tür ins Haus.
"Ich glaube, ihr geht euch erst einmal umziehen."
Nun war es an den Feldstraßlern, ihre Kleidung zu betrachten, bis Gunnar sie hinter sich herzog.
Seine Mutter war freundlich, wie am Tag zuvor, aber man konnte an ihren angespannten Gesichtszügen sehen, dass sie nicht erfreut war über die ruinierten Hemden. Die Feldstraßler machten verschämt die Oberkörper frei. Die Anwesenheit einer Frau, auch wenn es Gunnars Mutter war, machte es ihnen nicht gerade leicht, ihre Gelassenheit zu bewahren. Mit einer gewissen Vehemenz riss Lina van der Linden ihnen die Kleidungsstücke aus der Hand und drückte ihnen ihre eigenen nun gewaschenen und gestärkten Klamotten in die Arme.
Wenig später fanden sie sich erneut bei Gunnars Vater ein. Er erwartete sie mit verschränkten Armen.
"Nun erzählt mir mal."
Walter hielt dem Blick am schlechtesten stand und ergriff deswegen zuerst das Wort. "Wir wollen mit dem Dampfschnüffler die Bomber finden."
Malandro zuckte bei diesen Worten. "Bombe" war kein Wort, das man einem Vater entgegenwarf, um etwas von ihm zu bekommen.
"Herr Kargerheim hat uns geschickt. Damit wir den Schnüffler holen."
"Mhm. Ihr wollt mir also sagen, dass Herr Kergerheim euch aufgetragen hat, den dreifach pneumatischen Dampfschnüffler zu holen, damit er den Sprengstoffspuren folgen kann?" Sie nickten.
"Jungs. Ihr habt mir letztes Mal schon eine Geschichte erzählt und versucht es jetzt wieder. Herr Unterschnitt und Herr Kargerheim haben genau dies vorgestern versucht. Meine Maschine kann tatsächlich Sprengstoff riechen, aber die Explosion wird kaum etwas Eindeutiges hinterlassen haben. Warum sollte Herr Kargerheim es jetzt noch einmal versuche?"
Die Feldstraßler versuchten überall hinzublicken, nur nicht zum Erfinder.
"Raus mit der Sprache, was geht hier vor?"
"Herr Vater, wir wollten wirklich die Bombe erschnüffeln."
"Aber nicht, weil Herr Kargerheim es euch befohlen hat, nicht wahr?"
"Nein, Herr van der Linden."
"Weiß er, was ihr tut?"
"Nein, Herr van der Linden."
"Was ist los? Ihr verheimlicht mir was? Raus mit der Sprache, Jungs!"

Es dauerte eine Weile, bis sie sich durchgerungen hatten. Sobald aber Walmo die ersten Sätze gesprochen hatte, flossen die Worte aus ihnen heraus. Sie erzählten ihm alles, was am Tag zuvor geschehen war, mit Ausnahme der Prügelei, denn dann hätten sie gestehen müssen, dass sie auch etwas eingesteckt hatten. Und sie wollten schließlich immer noch den Schnüffler ausleihen.

"Der dreifach pneumatischen Dampfschnüffler wird euch nicht helfen. Wie ich schon sagte: Herr Kargerheim hat es bereits versucht."
Die Feldstraßler blickten einander an. Was sollten sie dann tun? Sie hingen ein wenig in der Luft? Angespornt von der Gefahr durch den Winterhirten, drängte es sie sein kommen zu verhindern, aber die Spuren verloren sich so schnell, wie sie sie finden konnten.
"Wir könn' die Ritter fragen." Walmo plapperte seine Gedanken heraus und erwartete, dass die anderen ihn auslachen würden.
"Das is‘ tatsächlich eine gute Idee," sagte Tiscio zu Walmos Überraschung. Malandro nickte nur.
"Jungs, ihr wollt nicht ernsthaft mit den Ritter sprechen."
"Letztes Mal lief doch alles gut."
"Was für eine Meische! Euch haben sie auch nicht verprügelt."
"Wenn wir nicht ranschleichen, dann kriegen wir auch keine Kloppe."
"Sagst du."
"Aber was wollen wir sie fragen?"
Erneut waren sie still und überlegten. Gerade, als Herr van der Linden, der fasziniert diesen ungeheuerlichen Überlegungen zuhörte, etwas sagen wollte, hatte Malandro seine Gedanken zu Ende gebracht.
"Sie haben doch mit nem Separatisten gesprochen, nich‘? Wenn sie uns den beschreiben ... ?"
"... dann könnten wir den Herrn Unterschnitt beschreiben."
"Halt, halt, halt, Jungs. Ihr könnt nicht mit den Rittern sprechen. Das sind Verbrecher."
"Onkel war sehr nett."
"Weiß nicht, ob ich das nett nennen würde."
"Aber einen Versuch is‘ es wert."
Die anderen nickten mit grimmigen Minen.
"Warum sollten sie uns noch was sagen? Onkel hat uns doch schon was gesagt."
"Vielleicht, wenn wir ihm was anbieten? Ihn bezahlen?"
"Mit was?"
Und so ging es weiter. Gunnars Vater war ein Ingenieur, er verpasste viel von dem, was in Xpoch vor sich ging. So mancher hatte ihn als weltfremd und geistesabwesend erlebt. Dennoch war er kein Narr und kannte den Starrsinn von Jugendlichen, wenn auch sein Sohn bisher wenig Neigung in diese Richtung gehabt hatte. Er betrachtete sich die Jungs und lauschte dem steten Strom ihrer Worte, mit denen sie sich Mut für ihr ungeheuerliches Vorhaben zuredeten. Er fasste einen Entschluss, der ihn selbst überraschte. Was er dafür zu tun hatte, ließ ihn jedoch lächeln.
"Ich sehe, dass ihr nicht davon abzubringen seid." Ihre Unterredung stoppte.
"Ihr beiden," er deutete auf Tiscio und Walter, "geht in die Rumpelkammer und holt die große Kiste heraus. Die mit dem Holzdeckel. Die da auf der Erde liegt. Und bringt die Keule mit." Damit zeigte er auf eine schwere Eisenstange, die sie zu dritt kaum tragen konnten.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 04