Die Brennerbande, Teil 68


Erst als sie eine Straße betraten, von der sie sicher sein konnten, dass sie zur Neustadt gehörte, begann Tiscio zu jammern: "Grabengrütze! wir sind echt solche Nichtskönner!"
"Reg dich ab, Tiscio. Hätt‘ schlimmer sein können." Malandros Kopf brummte zwar noch immer, das hielt ihn aber nicht davon ab, den Versuch zu starten, Tiscio zu beruhigen.
"Wie denn?"
"Die hätten uns fertig machen können - wie die Ingener." Walmo grummelte seine Worte eher, denn eigentlich gefiel es ihm, siegreich vom Berg herunterzukommen.
"Da haben wir wenigstens was erreicht mit."
"Ja, blaue Flecke und dicke Nasen."
"Und Kargerheim hat das Versteck gefunden."
"Mann, sei doch mal froh, dass wir nicht zusammengeschlagen wurden." Jetzt wurde Walmo lauter und stellte sich vor Tiscio, der damit zum Stehen kommen musste.
"Lass mich vorbei, du Idiot."
Jetzt blieben alle stehen und die beiden Streithähne blickten sich wütend an. Wieder war es Malandro, der zu beschwichtigen versuchte: "Wir finden schon was. Können schließlich nichts dafür, dass diese Lümmel da aufgetaucht sind."
"Wir könnten kucken, ob der Schnüffler wieder da ist." Gunnar wirkte fast fröhlich, als er das sagte, als sich jedoch die Blicke der anderen auf ihn richteten, machte er auf einmal einen unsicheren Eindruck. "Ich meine, Herr Kargerheim könnte ihn ja wieder zurückgegeben haben."
"Und dann gehen wir mit dem Ding wieder zurück? Die wollen uns doch gleich wieder verprügeln."
"Dann verkleiden wir uns halt."
Das ließ alle erst einmal überlegen, als was sie sich möglicherweise verkleiden konnten. In Anbetracht der Mittel, die ihnen zur Verfügung standen, blieben am Ende jedoch nur Variationen vom schwarzen Mann. Sie scherzten darüber auf dem Weg zu Gunnars Vater und vermieden es, die Ereignisse auf dem Rowenberg zu erwähnen.
Als sie gerade in die Zirklergasse einbogen, wandte Walter sich an Gunnar: "Sag mal, warum hat dein Vater Unterschnitt den Schnüffler eigentlich noch nicht verkauft?"
"Weiß ich auch nich‘. Er ist, glaub ich, zu nett. Er verleiht die Sachen immer. Ist wohl auch noch nicht ganz fertig damit. Hat noch ein paar Schwächen."
"Wenn das Schwächen hat, was soll es denn dann können, wenn es fertig is‘?"
"Naja, manchmal explodieren die Dampfmaschinen meines Vaters. Das wäre dann sehr unangenehm, wenn das jemand gekauft hätte."
"Und damit wollen wir los?"
"Bei Kargerheim ist noch nichts passiert."
Damit klopfte Gunnar am Tor zum Schuppen, der in die Lücke zum Nachbarhaus gebaut worden war. Sein Vater machte die Tür im Tor auf und sah sie zuerst überrascht, dann streng an, nachdem er die Blessuren an seinem Sohn und Malandro gesehen hatte.
"Ich weiß ja, dass deine Mutter dein neugefundenes Interesse an Sport begrüßt, aber ich bin mir nicht so sicher, dass sie so richtig weiß, was du so treibst, mein Sohn." Er ließ noch einmal seinen Blick über die anderen wandern: "Hallo, Jungs. Was kann ich für euch tun."
"Herr Vater, wir brauchen den Dampfschnüffler."
"Mhm, da habt ihr aber Glück, dass Herr Kargerheim alles immer sofort zurück bringt. Allerdings sehe ich nicht, warum ich euch den dreifach pneumatischen Dampfschnüffler geben sollte."
Hier sprangen seine Freunde Gunnar zur Seite, denn im Weben von überzeugenden Lügengeschichten waren sie erheblich geübter: "Es is‘ Alnas Katze, Herr van der Linden. Sie ist weggelaufen und da dachten wir, wir könnten sie damit wiederfinden."
"So, eine Katze. Die könnte man tatsächlich gut mit dem Dampfschnüffler finden, wenn man etwas von ihr hätte, womit man den Sensor kalibrieren könnte. Aber in Anbetracht dessen, dass er die letzten Male zum finden geraubter Kinder, zweier Diebe und gefährlicher Terroristen verwendet wurde, wäre es doch etwas übertrieben, ihn für eine solche Lappalie einzusetzen." Er verschränkte seine Arme vor dem Latz seiner Arbeitshose und sah sie durch seine dicken Brillengläser an. Er machte ein ernstes, abweisendes Gesicht, aber Gunnar konnte ein kleines Lächeln am linken Mundwinkel entdecken, dass ihm immer verriet, dass sein Vater gefallen an einem Spiel gefunden hatte, es aber nicht zugeben wollte.
"Herr van der Linden, Alna ist wirklich traurig deswegen. Bitte, können sie uns nicht doch den Dampfschnüffler leihen?"
"Alna ist ein Mädchen aus der Feldstraße?"
"Die beste Freundin unserer kleinen Schwester."
"Die, die entführt worden ist?"
"Ja, Herr van der Linden."
Er überlegte einen Augenblick, während er sie genau beobachtete.
"Ich glaube nicht, dass ich ihn euch geben kann. Es passieren derzeit so viele andere Sachen in unserer Stadt, für die der Dampfschnüffler besser verwendet werden könnte. Herr Kargerheim hat vermutlich auch bald wieder Verwendung für ihn."
"Aber wir sind doch für Herrn Kargerheim unterwegs," brach es aus Walter heraus. Herr van der Linden zog eine Augenbraue hoch.
"So? Seit wann sucht Herr Kargerheim denn verschwundene Katzen. Verschwundene Jungen vielleicht," dabei wuschelte er einmal seinem Sohn durch das Haar, der daraufhin sein Gesicht verzog, "aber Katzen kann ich mir so gar nicht vorstellen."
"Das haben wir doch nur gesagt, damit sie sich keine Sorgen machen," plapperte der W heraus, wozu selbst sein Bruder das Gesicht mit seinen Händen bedeckte. Von Tiscio gab es einen Stoß mit der Schulter und Malandro schüttelte den Kopf. Gunnar hingegen wurde rot.
"Es ist also gefährlich, was ihr damit vor habt?"
Walter biss sich auf die Zunge, damit er nicht noch mehr sagte, was seinen Freunden missfallen könnte. Aber der strenge Blick von Gunnars Vater machte es ihm sehr schwer.
Am Ende war es jedoch Malandro, der die geforderte Antwort gab.
"Wir sollen einen Mann beobachten. Und wir hatten eine Schlägerei mit einigen Lümmeln. Und jetzt versuchen wir ihn wieder zu finden."
Erneut wartete Herr van der Linden und beobachtete sie. "Na dann erzählt mir mal alles."
Und das taten sie. Nicht besonders klar und bestimmt nicht in der richtigen Reihenfolge, aber am Ende hatte Gunnars Vater eine ungefähre Vorstellung davon, was geschehen war und was geschehen sollte.
"Mein Sohn hat Recht, ihr solltet euch verkleiden." Wieder ein langer prüfender Blick, bis er ins Haus rief: "Lena, mein Engel."
"Ja, mein Schatz?"
"Ich glaube, wir müssen die Jungs baden?"
"Welche Jungs, mein Schatz?"
"Die Freunde von Gunnar. Und haben wir auch noch ein paar frische Hemden, die sie sich ausleihen können?"
"Wenn sie sie nicht ruinieren, können wir bestimmt was von deinen und Gunnars Sachen nehmen."
"Würdest du dann bitte das Wasser heiß machen, Engelchen?"
"Ja, mein Schatz."
Die Feldstraßler gniggerten abgewandt und hinter vorgehaltener Hand, während Gunnar am liebsten im Erdboden versunken wäre.
"So, Jungs, geht meiner Frau helfen, das Wasser zu schleppen und heiß zu machen. Ich suche solange einige Sachen zusammen, die ihr brauchen könntet.

Eine Stunde später waren alle gebadet und in mehr oder weniger passende Hemden gesteckt. Sie hatten gedrängelt, weswegen das Wasser nur lauwarm gewesen war, aber sie hatten inzwischen alle ein dringendes Gefühl der Eile entwickelt.
Als sie sauber und mit nach hinten geölten Haaren wieder in der Werkstatt erschienen, mussten sie sich erneut dem kritischen Blick des Erfinders aussetzen. "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass ein paar anständige Jungen vor mir stehen." Und mit einem Nicken deutete er auf die Werkbank, wo neben dem Dampfschnüffler noch ein paar weitere Sachen lagen.
"Ihr sagtet, dass es gefährlich werden könnte. Daher möchte ich euch ein paar meiner Erfindungen mitgeben, natürlich mit der Auflage, dass ich sie spätestens morgen zurückerhalte." Er hob einen Handschuh aus Kettengliedern hoch, der über ein langes Kabel mit einem kleinen Kasten verbunden war: "Diesen Ambarisierungshandschuh habe ich vor längerer Zeit für die Metrowacht entwickelt. Bei Tests ambarisierte sich leider eine der Testpersonen selbst. Aus diesem Grund stuften sie meine Erfindung als zu gefährlich ein." Er murmelte etwas, dass sich verdächtig nach "Trottel" anhörte. Es trat eine Stille ein, während der alle darauf warteten, mehr über dieses Gerät zu hören, dass einen Berti zum Trottel gemacht hatte. Herr van der Linden nahm den Kasten und klappte eine kleine Kurbel aus der Seite heraus. "Ihr müsst die Kurbel etwa fünf bis zehn Mal drehen. Danach solltet ihr den Handschuh nicht mehr von außen berühren."
"Ehm, was passiert sonst?"
"Jede Person, die ungeschützt mit diesem Handschuh in Kontakt kommt, erhält einen ambarischen Schlag." Er lächelte, als wenn er sich an ein amüsantes Ereignis erinnerte. "Eine solche Person hat für eine gewisse Zeit die Neigung, zuckend auf der Erde zu liegen." Als nächstes griff er nach einem mannshohen Metallstab, der an einem dicken, umwickelten Kabel hing, dass ihn mit einem rucksackgroßen Kasten verband. "Eine Kleinigkeit, die schon eine ganze Weile im Schuppen liegt. Außer als Knüppel taugt sie wenig im Kampf. Drückt man diesen Knopf," damit deutete er auf eine gelbe Erhebung knapp über der Verbindung zwischen Kabel und Stab, "wird Metall, dass man mit der Spitze des Stabs berührt, sofort magnetisiert. Steht dann nicht zu nahe. Und als letztes," damit nahm er ein Draht- und Röhrengestell in die Hand. Es hatte entfernte Ähnlichkeit mit einem Helm und schien auch dazu gedacht zu sein, dass man es auf den Kopf setzte. Die kleine Dampfmaschine auf der rechten Seite versprach jedoch keine angenehme Erfahrung. Die kleinen Dinger wurden heiß und konnten gelegentlich explodieren.
"Ein kleines Wunderwerk, das sicherlich hilfreich sein kann, wenn ihr nachts unterwegs seid. Es ist ein Dunkelsichtgerät." Er stülpte es über seinen Kopf: "Ihr entzündet den Dampfer und klappt die Gläser runter. Macht das aber nicht am Tag, dann seht ihr nicht mehr viel."
Er richtete sich auf und blickte in die Runde. Wäre er in Gunnars Alter gewesen, hätte er wahrscheinlich gestrahlt wie das sprichwörtliche begeisterte Hündchen. So schmunzelte er nur zufrieden. Mit einem kräftigen Griff nahm er den Helm vom Kopf und legte ihn zurück auf den Tisch. Der Helm hatte seine Haare zerzaust, so dass er aussah, als wäre er gerade aus Schlechtorf entflohen.
Die beiden Ws blickten sich nur kurz an und griffen sich die Handschuhe, interessanter Weise waren sie beide für die rechte Hand. Sie zogen sie sich sofort an und alberten rum, indem sie die anderen damit bedrohten. Malandro brummte immer noch der Kopf, weswegen er gerne auf einen weiteren Kampf verzichten wollte. Daher nahm er das Dunkelsichthelmding. Er betrachtete es sich noch einmal misstrauisch, bevor er es aufsetzte. Testweise klappte er die Brillengläser herunter und wieder rauf. Tiscio, der immer noch als der starke Arm unter den Feldstraßlern galt, nahm sich das schwere Batteriepacket und schnallte es sich auf den Rücken, bevor er nach dem Magnetisierer griff. Damit blieb der Schnüffler für Gunnar übrig und er hatte das Gefühl, dass es so seinem Vater am liebsten war.

Als sie die Straße betraten, warfen ihnen die Passanten und Nachbarn nur einen kurzen Blick zu. Sie kannten den Erfinder van der Linden, und wussten, dass er seine Kunden mit seltsamen Gegenständen ausstattete. Einigen der misstrauischeren Hausfrauen missfielen die "ausländischen" und "heidnischen" Besucher, die der Herr van der Linden in die Straße lockte. Von ihnen konnte man nur missbilligende Gesichtsausdrücke und Worte erwarten. Andere waren vielleicht zuerst verwirrt, wenn sie etwas ihnen unbekanntes in ihrer Straße erblickten. Manche lächelten jedoch nur und schüttelten vielleicht den Kopf ob des modernen Unsinns den sich all die Erfinder in den letzten Jahren hatten einfallen lassen. Und zuletzt gab es dann noch diejenigen, die einfach nur wissend nickten und ihres Weges gingen.
Erst als sie die Alte Hafenallee durch den alten Hafen gingen - Xpochlern fiel diese armselige Benennung der Straße tatsächlich nicht auf - fühlten sie sich tatsächlich ein wenig unwohl. Sie zogen die Blicke auf sich, als wären sie in einem privaten Rüster oder einem Dampfwagen für zwei Personen unterwegs. Allerdings mussten sie selbst eingestehen, dass sie derzeit weniger aussahen wie eine Bande von jugendlichen Gewohnheitskriminellen (ein Begriff, den sie nicht kannten, von dem sie aber tief in ihrem Innern wussten, dass er auf sie zutraf) und mehr wie Schnösel, deren Mamis und Papis ihnen teures Spielzeug geschenkt hatten. Dabei war der Alte Hafen sogar ein etwas besseres Pflaster, da hier fast ausschließlich die großen Kreuzfahrtschiffe und persönlichen Yachten lagen.
Auf jeden Fall waren sie froh, als sie die Werkmanns Allee erreichten und von dort aus die Konditorgasse, obwohl sich auch schon die ersten Bedenken über ihren weiteren Weg danach in ihren Köpfen eingenistet hatten.
Soldrang öffnete ihnen die Tür. Ohne seine üblichen unterschwelligen Sticheleien ließ er sie das Haus betreten, bestand aber darauf, dass sie sich ordentlich die Schuhe abtraten. Er wollte sie bereits sich selbst überlassen, als Malandro ihn ansprach: "Herr Soldrang, wir haben eine große Bitte."
"Sie wünschen?" Der Buttler zog eine Augenbraue hoch.
"Wir sollen für Herrn Unterschnitt diesen Ritter Gerca Winrond beschatten. Wir haben jetzt Gunnars Schnüffler," Gunnar hob ganz leicht das schwere Gerät an, als Malandro auf ihn deutete, "und müssen was haben, damit wir dem Ritter nachschnüffeln können." Die Feldstraßler blickten Soldrang hoffnungsvoll an. Als dieser sich nicht rührte, setzte Gunnar mit einer Erklärung an: "Wir brauchen die Anzeige, mit der Herr Unterschnitt den Gerca Winrond gefunden hat. Damit wir den Geruch davon nehmen können." Soldrang ließ immer noch nicht erkennen, dass er verstanden hatte, was sie von ihm wollten. Jetzt war es an Tiscio, sich einzumischen: "Herr Soldrang, wir brauchen den Zettel. Er ist bei Herrn Unterschnitt im Zimmer. Bitte."
Es folgte ein erneutes Hochziehen der Augenbraue, diesmal der anderen. "Einen Moment, die jungen Herrschaften." Damit drehte er sich um und ließ sie in der Diele stehen. Wenig später kam er zurück und hielt mit zwei behandschuhten Fingern den Zettel vor sich. Tiscio grinste über das ganze Gesicht und hätte dem Buttlertyp beinahe vor Dankbarkeit die Hand geschüttelt. Sie beließen es aber bei einem freundlichen "Herzlichen Dank" und warfen den Dampfschnüffler an. Nach dem ersten beschnüffeln legte sich am wuchtigen Oberteil des Geräts ein Hebel um und zeigte dadurch an, dass eine Speicherkammer mit einem Geruch gefüllt war. Sie wiederholten den Vorgang noch zweimal, bis alle drei Kammern ihre Hebel verstellt hatten. Leider mussten sie gleich erkennen, dass die erste Kammer mit dem Geruch von Herrn Unterschnitt gefüllt war, als Gunnar den Dampfschnüffler vor Ort austestete.
Bevor sie sich endgültig wieder auf den Weg zum Rowenberg machten, schlichen sie sich unter den wachsamen Augen Soldrangs noch einmal in die Küche und tranken sich die Bäuche mit Wasser voll. Sie hätten sich auch gerne noch ein wenig Brot abgeschnitten, trauten sich jedoch nicht, während der Buttlertyp dabei stand.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 03