Die Brennerbande, Teil 63


Im Verhältnis zu vielleicht 50 Toten durch die Anschläge waren 17 schon eine beachtliche Zahl, vor allem, wenn man bedachte, dass es vielleicht 400 Anhänger insgesamt gab, und dass schloss die Familien mit ein. Malandro konnte recht gut mit Zahlen umgehen, Gunnar war jedoch derjenige, der am schnellsten die Schlüsse aus den Zahlen schloss. Sie wussten jedoch, dass, ohne es nachrechnen zu müssen, Walde ebenfalls schon die richtigen Schlüsse gezogen hatte. Es klang idiotisch und konnte einfach nicht wahr sein. Doch das einzige, das den Feldstraßlern einfiel, warum unverhältnismäßig viele von den Freunden von Vilet getötet worden waren, war, dass die Anschläge genau ihnen galten. Aber warum sollte jemand gerade diese harmlosen Leute töten wollen? Tiscio hatte sie jeden Tag erlebt, aber auch die anderen Feldstraßler hatten diese Frauen erlebt - und es waren fast ausschließlich Frauen - die sich nichts zu Schulden kommen lassen würden. Das schlimmste, was sie taten, war, jemandem verbrannte Kekse anzubieten, oder vielleicht ihre Wohnung nicht richtig sauber zu halten. Vielleicht waren sie nicht unbedingt die klügsten oder interessantesten Menschen. Einige waren einsam, manche verzweifelt oder einfach nur auf der Suche nach Hilfe bei irgendeinem Problem. Aber in Xpoch liefen Dämonen frei herum und raubten Menschen die Seelen. Zwischen diesen und den Jüngern der Frühlingskönigin lag eine große Kluft, die gefüllt war mit allen nur denkbaren Sündern, Verbrechern und Unmenschen, die in den Augen der meisten Xpochler den Tod verdient hatten. Warum also hätte man diese kleine Gruppe angreifen sollen?

Die Feldstraßler warteten nicht lange an der Absperrung. Walde zog an Walters arm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nahm sie bei der Hand und sie führten die anderen in eine Seitenstraße. Hier kam man an den Hinterhöfen und Gärten der Häuser vorbei, bis man zu einer Mauer gelangte, die eine kleine Sackgasse abschloss, über die man in die abgesperrte Straße gelangen konnte.
Zuerst schwang sich Walter hinüber, anschließend Malandro, der Walmo auf die Mauer half. Tiscio machte für Walde eine Räuberleiter, die beiden auf der Mauer zogen sie hoch und Walter nahm sie auf der anderen Seite in Empfang. Gunnar versuchte es allein, Tiscio schob jedoch ein wenig nach.
Als sie alle auf der anderen Seite angelangt waren, versuchten sie sich zwischen dem Abfall zu verstecken. So warteten sie, bis ein paar Bertis am Eingang der Straße vorbeigegangen waren, um sich anschließend langsam nach vorne zu arbeiten. Es gab auf jeder Seite einen einsamen Eingang und noch ein paar weitere Tonnen.
Nun ist es leider so, dass sechs Personen in einer kleinen Gasse viel mehr Platz zum Verstecken brauchen, als ein paar Tonnen unter diesen Umständen bieten konnten. Sie waren noch nicht einmal bis zum Eingang der Straße gelangt, als ein weiterer Berti vorbei ging und sie entdeckte. Er warf nur einen kurzen Blick in die Gasse und blieb stehen. "Was macht ihr da? Kommt mal da raus!" Er war noch recht jung, soweit das Jugendliche beurteilen konnten, die für gewöhnlich alle Erwachsenen für uralt hielten. Dennoch hatte seine Stimme bereits diesen Ton, der es jungen Männern, die wussten, dass sie nicht unschuldig waren, unmöglich machte, nicht zu gehorchen. Langsam und schuldbewusst, mit gesenkten Köpfen schlichen sie heraus. Im Licht der Laternen mussten sie sich einer gründlichen Musterung unterziehen lassen. "Dann bringen wir euch wohl mal wieder raus. Walde zupfte wieder an Walters arm und flüsterte ihm erneut etwas ins Ohr. "Herr Wachtmeister, wir müssen mit Herrn Kargerheim sprechen." Walter hatte gerade ausgesprochen, als Walde den Arm hob und auf den Eingang einer weiteren Gasse deutete, wo Herr Kargerheim mit dem unhandlichen Schnüffler die Wände entlang fuhr. Der Berti sah sich nicht einmal um, sondern begann Walter sanft aber bestimmt voran zu schieben. Tiscio begann zu brüllen: "Herr Kargerheim! Herr Kargerheim! Wir sind hier." Er hielt inne. Er klang wie ein Mädchen. Trotzdem hatte sein Ruf den gewünschten Effekt. Herr Kargerheim blickte hoch. Auf die Entfernung konnte man sich nicht sicher sein, aber es machte den Eindruck, als wenn er die Augen verdrehen würde, was so untypisch für ihn war, dass die Feldstraßler es geschlossen nicht glauben konnten. Er winkte dem Berti, der sie gefunden hatte, und kam herüber, den Schnüffler mit dem Dampfarm an die Brust gepresst, als wäre es ein Blatt Papier.
"Ich wage kaum zu fragen, was ihr hier macht. Ihr müsst gehen." Bevor einer der Jungs etwas sagen konnte, trat Walde einen kleinen Schritt vor und sagte: "Herr Unterschnitt sieht Dinge, wie ich." Kargerheim blieb sehr ruhig, während die Feldstraßler entsetzt zwischen Walde und ihm hin und her blickten. Auch der Berti versuchte beide im Auge zu behalten, aber auf seinem Gesicht war eher Verwirrung zu sehen. Die Stille hielt länger an, als es für irgend jemanden angenehm sein konnte.
"Milkan, ich übernehme die hier." Der Wachtmeister nickte und hob die Hand an seinen Helm. Als er außer Höhrweite war fügte Kargerheim fast in Gedanken hinzu: "Ein guter Bursche. War noch in der Ausbildung, als ..." Nach kurzem Zögern wandte er sich wieder den Jungen und Walde zu. "Ich glaube, wir sollten zu Herrn Unterschnitt gehen. Und du, Walde, sagst bis dahin nichts mehr, hast du verstanden?" Walde machte ein eingeschüchtertes Gesicht und nickte.
Sie brauchten nicht lange, um Apfhelm Unterschnitt zu finden. Er stand mit mehreren Männern am Rand eines Kraters, der wohl von dem Anschlag herrührte. Die Männer behandelten Unterschnitt mit sehr viel Respekt, wobei die Uniformen, die sie trugen, andeuteten, dass sie sehr weit oben in ihren Befehlsstrukturen standen. Den einen kannten die Feldstraßler sogar. Sie hatten ihn bei einer Parade gesehen, wie er in einem Kampfwagen vor den Soldaten herfuhr. Ein zweiter Mann trug die Uniform der Metrowacht, nur etwas besser geschnitten und mit Orden an der Brust. Ihm zur Seite stand ein weiterer Berti. Und dann waren da noch einige ohne Uniform, die nichtsdestotrotz wichtig aussahen.
Kargerheim näherte sich ihnen gelassen, blieb aber mit gebührendem Abstand stehen. Es dauerte nicht lange, bis Unterschnitt ihn wahrnahm und sich bei den anderen Herren entschuldigte. Mit entspannten Schritten kam er zu seinem Kollegen und den Feldstraßlern herüber. Sie beugten sich zueinander und Kargerheim schien etwas zu flüstern. Unterschnitt zog dabei einmal kurz die linke Augenbraue hoch. Sie lösten sich wieder voneinander. Unterschnitt ging zu den wichtigen Männern zurück, Kargerheim winkte den weniger wichtigen, ihm zu folgen. "Herr Unterschnitt ist im Moment sehr beschäftigt. Wir gehen besser dem ganzen Tohuwabohu aus dem Weg."
Nachdem sie sich eine ruhige Ecke in einer Seitenstraße gesucht hatten, lehnte sich Kargerheim an die Wand und musterte seine kleine Gefolgschaft. "Nun mal raus mit der Sprache: was führt euch hierher? Ihr seid doch nicht hier, um Herrn Unterschnitt zu sagen, dass er ein Medium ist."
Die Blicke wandten sich Walde zu, die sich jedoch hinter Walter versteckte. Gunnar, der am unbeteiligsten bei diesen freundschaftlichen Verwicklungen war, antwortete Kargerheim: "Sie sagte, dass wir hierher kommen sollen, weil ihr die Geister der Toten das gesagt hätten. Also, ich meine, die Geister derjenigen, die hier ermordet wurden." Er machte ein Pause, bis ihm anscheinend einfiel, dass seine Aussage nicht genau genug gewesen war: "Natürlich nur diejengen Geister, die zu Vilets Kunden gehörten."
Kargerheim hatte Gunnar nur kurz angesehen, anschließend aber seinen Blick nicht mehr von Walde gelassen, die sich daraufhin immer weiter hinter ihren Bruder zurückzog.
"Haben die Geister auch gesagt, warum ihr hierher kommen sollt. Für Kinder ist es nicht ganz ungefährlich hier." Der einzige, der schnell genug schaltete, war Malandro, der seine Empörung, ob der Herbsetzung ihres Alters, jedoch im Zaum halten konnte. Hinter Walters Rücken erklangen ein paar leise Worte, die jedoch niemand verstehen konnte. Walter drehte sich um und schob Walde nach vorne. Er beugte sich zu ihr hinunter. "Sag‘s Herrn Kargerheim."
"Ich hab' Angst, dass die mich töten."
"Wer sind Die, Walde?"
"Weiß nich'."
"Und warum hast du Angst, dass Die dich töten wollen?"
"Weil Vilet meine Freundin ist."
"Und Die töten die Freunde von Vilet?"
Walde nickte stumm.
"Warum glaubst du das?"
"Walde hat gesagt, dass 17 von den Toten zu Frau Freifrieder gehören." Walmo hatte sich inzwischen ebenfalls zu seiner Schwester gestellt.
"Siebzehn sagst du?" Er wartete, bis Walde ganz leicht nickte.
"Vorausgesetzt, du hast recht, dann wären das wirklich sehr viele. Aber es wäre noch kein Beweis."
Walde nickte wieder.
"Und was is', wenn sie recht hat?" Malandro wandte sich an die anderen. "Wären wir dann nicht auch Freunde von Frau Freifrieder?"
"Das wäret ihr wohl, das wäret ihr wohl."

Die Kinder aus der Feldstrasse, 03