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Xpoch 1860

Die Brennerbande, Teil 34


Auf dem Weg zur Schiene wehrte Kargerheim alle Fragen ab. Vor allem die Frage danach, wie der große Unterschnitt und er selbst, genaueres herausgefunden hatten, begegnete er mit einer energischen Handbewegung, die eindeutig klar machte, dass er zu diesem Thema nichts sagen würde.
"Müssen wir wirklich über den verdammten Platz?" Tiscio kriegte prompt von Walmo einen Knuff auf den Oberarm, der umso mehr weh tat, weil er genau einen der vielen blauen Flecke traf. Walmo bewegte seinen Mund, so dass Tiscio daraus sein "verdammt" erkennen konnte und schüttelte mißbilligend den Kopf.
"Ja, wir müssen über diesen Platz. Sonst brauchen wir viel länger und die Gassen in dieser Gegend sind viel dunkler. Ich brauche euch nicht zu sagen, was das bedeutet." Tiscio bemerkte sehr wohl die Vermeidung des Fluchs und schämte sich noch einmal mehr. Sein Vater hätte ihn dafür nicht nur leicht den Hintern gebläut.
Der Schichtverkehr auf den Schienen war vorbei, so dass sie eine Weile warten mußten. Kargerheim zahlte erneut und schneller als ihnen lieb war, verließen sie erneut den sicheren Schienensteig hinaus in das Ingenfeld. Diesmal blieben sie jedoch zusammen und Kargerheim schritt gut aus, so dass sie sich ranhalten mußten, um mit ihm mithalten zu können. Schon waren sie am Platz und die drei Feldstraßler, die am Vorabend hier gewesen waren, vermieden den Blick in die Ecke, in der die Trinkhalle und das Schlachtfeld lagen. Walmo und Walter sagten nichts, es war ihnen jedoch anzumerken, dass sie nur ungerne von der Seite des ehemaligen Bertis gewichen wären.
So blieben sie zusammen, ein kleiner Haufen, teils verängstigt, teils angeekelt. Dennoch hielten sie geradewegs auf eine der Straßen zu, die vom Markt abgingen. Es war möglich, dass sie es sich nur einbildeten, es schien ihnen jedoch, dass es die dunkelste, schäbigste, engste und dreckigste der Gassen war, die den Markplatz einst zum Ziel gehabt hatten. Zwei konnten knapp nebeneinander gehen. Halterungen für Laternen waren nicht einmal vorgesehen und die Fenster waren nur noch Löcher in der Wand, ohne Klappen oder auch nur Bretter davor. Eine Geisterstraße, in der niemand mehr wohnte, womöglich aber hauste.
Auf beiden Seiten konnten sie vier Türen sehen, alle angelehnt oder zumindest beschädigt. Wenigstens brauchten sie nirgendwo einzubrechen, auch wenn sie alle wußten, dass sich hinter solchen Türen die übelsten und gefährlichsten Bewohner befinden konnten.
Normalerweise hallten die Geräusche der großen Straßen in den kleinen Gassen wider. Oft nur noch schwach, düster, je weiter man in ihnen verschwand. der Müll und der Schmutz verschluckten die leisen Töne, aber die lauten dröhnten durch die luft, von den Häuserwänden zurückgeworfen. Hier kamen die Töne nicht zurück. Sie verschwanden in den bretterverschlagenen Fenstern und den überhängenden Stockwerken, die sich im obersten Stock fast berührten und so bereits am Tag die Gasse in einen Tunnel verwandelten. Hinter sich konnten sie immer noch die Besoffenen und die Streitlustigen hören, vor ihnen war Stille.
Sie drängten sich durch die erste Tür zur linken, Kargerheim voran. Er nahm die Hand des Dampfarms aus seiner Jackentasche und entfernte eine kleine Metallplatte vom Handballen. Nach einigen weiteren Handbewegungen und einem klickenden Geräusch begann in der Handfläche eine kleine Spiegellampe zu glühen und wurde von sekunde zu sekunde heller. Anschließend griff er unter seine Jacke und holte zwei flache Lampen hervor, wie sie von Bergarbeitern verwendet wurden und gab sie Malandro und Skimir. Sie teilten sich in zwei Gruppen auf, Kargerheim, Walmo und Walter in der einen, Tiscio, Skimir und Malandro in der and'ren. Sie blieben aber weitgehend zusammen und trennten sich jeweils erst, wenn sie ein Stockwerk erreichten. Die einen sicherten zuerst die Treppe, damit niemand vorbeilaufen konnte, Während die zweite Gruppe die Räume durchsuchte.
Sie fanden mehrfach die Kadaver toter Tiere, einmal sogar ein menschliches Skelett, dass schon seit einiger Zeit hier von den Ratten und Schaben abgenagt worden sein mußte. Immer wieder rannten Ratten durch den Lichtschein oder sie hörten die Viecher aus einem der anderern Stockwerke. Skimir brach im dritten Haus mit dem linken Bein durch eine Diele und sie konnten ihn nur unter größter Vorsicht wieder befreien, ohne dass die Etage mit ihnen zusammen unter ihren Beinen nachgab.
Erst im letzten Haus auf der linken Seite fanden Sie einen Menschen, einen Penner, der sich für die Nacht in diese dreckigen, verfaulenden und verwanzten Häuser gewagt hatte, die anscheinend selbst für die Ingener unbewohnbar waren. Er hielt sich die Hände vor die Augen, als sie ihn anleuchteten, war aber ansonsten so vom billigen Fusel berauscht, dass er sie nicht weiter beachtete.
Waren die oberen Stockwerke unangenhm zu untersuchen, weil man beständig Angst haben mußte, dass der Boden unter einem wegbrach, waren es doch die Keller, die sie am liebsten gemieden hätten. Hier stand der Abfall oft bis zu den Kniegelänken, das Regen- und Grundwasser hatte sich in ihnen gesammelt und die Ratten konnten kaum schnell genug entkommen, weswegen sie mehr als einmal von ihnen angesprungen wurden und nur der Umstand, dass sie sich inzwischen alle mit irgendwelchen Stangen, die sie aus dem Müll gefischt hatten, bewaffnet hatten, war zu verdanken, dass sie sich nicht mehr Verletzungen zuzogen, als sie es eh schon taten.

Die Kinder aus der Feldstrasse, 02