Die Brennerbande, Teil 109


Auch Tiscio kannte die Stimme, hatte sie lange genug in dem kleinen, improvisierten Schrein im Tempelbezirk vernommen. Obwohl er sie selten so laut gehört hatte, hätte er Vilets Stimme doch überall erkannt. Er stürmte aus seinem Versteck, wurde jedoch von Gunnar am Arm gepackt, nichts, was er nicht hätte abschütteln können. Trotzdem nahm es ihm den Schwung.
"Halt, Tiscio. Du weißt doch gar nicht, ob das Vilet ist." Anstatt sich loszureißen, blickte Tis zwischen der Frau und seinem Freund hin und her.
Gunnar hingegen sah nur den Neuankömmling an: "Wenn sie Vilet sind, dann sagen sie uns, wer ihr Nachfolger ist."
Die Frau lachte. Es klang freundlich und ein wenig mütterlich. "Gunnar, habe ich Recht? Aber das ist keine gute Frage, denn wenn ich mich nicht irre, hat heute auch ein Anschlag auf Walde stattgefunden."
"Wann musst'e am Treffpunkt sein? Wen musst'e treffen?"
Obwohl es unmöglich war das Gesicht zu erkennen, erinnerte sich Gunnar später immer daran, dass die Frau lächelte.
"Am 27.10. Und ich muss den Boten treffen. Und wenn ich es nicht tue, wird der Winterhirte kommen. Ich glaube letzteres wissen unsere Angreifer nicht, oder sie wollen es nicht wissen."
Jetzt kam auch Malandro heraus und schloss sich seinen Freunden an. Er lehnte sich bei seinem größeren Freund an, indem er ihm den Arm über die Schulter legte. Tiscio ließ es geschehen, fühlte sich sogar ein wenig ermutigt und richtete sich zu seiner vollen Größe auf: "Wie hast'e uns gefunden, Vilet?"
"Ich bin euch gefolgt, was denkst du?"
"Aber wie? Niemand hat uns gesehen."
"Tiscio, überleg doch mal: Walde sieht Geister. Meinst du nicht, ich kann auch mehr sehen als nur das, was mir das Licht offenbart?"
Tiscio war es zufrieden und nickte, aber etwas anderes hatte schon die ganzen letzten Tage an Malandro genagt: "'Tschuldigung, muss das jetzt wissen. Ich versteh's einfach nicht. Warum sind se jetzt hier? Ich mein', erst ins Gefängnis, dann die ganzen Anschläge, die Morde und jetzt wollen se Unterschnitt helfen? Ich versteh's nicht'."
Tiscio löste sich von seinem Freund und sah ihn erstaunt an. Aber Vilet hob nur beschwichtigend die Hand. Während die Feldstraßler hinter sich die Bewegungen der Erwachsenen spürten, die sich aus ihren Verstecken lösten, begann Vilet zu erklären: "Ich kann dich gut verstehen, Malandro. Aber es ist so, dass ich leben muss, damit der Winterhirte nicht nach Xpoch kommt. Das Gefängnis erschien mir der sicherste Ort zu sein, wo mich die Mörder am schlechtesten erreichen konnten. Ich habe ihre Skrupellosigkeit leider unterschätzt." Sie senkte den Kopf und sackte in sich zusammen. "Ich trauere um all jene, die meinetwegen getötet wurden, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich trauere." Vilet holte Luft und richtete sich dabei wieder auf. "Aber jetzt, mit etwas Glück, denken jene, die für das ganze Chaos verantwortlich sind, dass ich tot bin. Es wird nicht lange dauern, bis sie herausfinden, dass auch dieser Anschlag nicht ihr Ziel erreicht hat. Doch so lange habe ich Zeit, mich frei zu bewegen. Das sollte ich doch ausnutzen, nicht wahr Malandro" Ihre Flamme war inzwischen wieder zu ihr zurückgewandert und sie konnten das traurige Lächeln auf ihrem Gesicht sehen.
"Außerdem scheint ihr einen Hinweis gefunden zu haben."
"Ich versteh's trotzdem nicht. So viele Tote."
"Dann bin ich diesmal der Klügere." Tiscio grinste auf Malandro hinunter. Vilet nahm den entstehenden Streit allerdings nicht zur Kenntnis und ging an ihnen vorbei zu der Stelle an der Wand, aus der der Stein herausgenommen worden war. Nachdem sie die Stelle von allen Seiten betrachtet und sogar ein wenig daran geschnuppert hatte. Dann suchte sie unter den Umstehenden, die sich langsam genähert hatten, Unterschnitt heraus.
"Sie hätten ihn nicht anfassen sollen. Aber ich werde sehen, was ich tun kann." Als der schlanke Mann eine Verbeugung andeutete, legte sie ihren Kopf zur Seite und lächelte. Anschließend wandte sie sich dem Mauerstein zu, den Unterschnitt auf den Boden gelegt hatte. Sie begann in ihrer Umhängetasche herumzukramen, die bisher unter ihrem Umhang verborgen gewesen war. Nach einigen Augenblicken der vergeblichen Suche setzte sie die Tasche ab und kramte in ihr mit beiden Händen herum. Endlich zückte sie eine kleine Papiertüte hervor, deren Inhalt sie über den Stein streute. Der Geruch von Kräutern durchdrang den Gammelgestank des Hauses, den sie so gut wie möglich ignoriert hatten. Es war eine willkommene Abwechslung in der Nase, die die Feldstraßler an ihren Ausflug in den Wald erinnerte.
"Erde, Luft und Wasser seiet rein,
Feuer und Blitz haltet ein,
möge der Segen auf diesem Stein sein."
Tiscio hatte den kurzen Segen Vilets schon öfter in der einen oder anderen Form gehört, meist, wenn sie eine ihrer Gläubigen verabschiedete, hatte sich dabei jedoch nie etwas gedacht. Nachdem der Stein allerdings zu leuchten begann, und immer wieder in Richtung der Altstadt zuckte, würde er den Worten in Zukunft mehr Ehrfurcht entgegenbringen.
Nicht nur er sah dem Stein schweigend in seiner Bewegung zu. Sobald er jedoch sein Leuchten wieder verloren hatte und nur noch still da lag, begann Malandro schon wieder zu murren: "Was war das denn? Soll uns das jetzt irgendwie weiterhelfen?"
"Was biste denn für'n Stinker? Das is' bestimmt die Richtung, wo der Täter is', nich' Vilet?"
"Komm Tiscio, ich glaube, wir können noch mehr rausfinden. Vielleicht hilft das Malandro weniger mürrisch zu stimmen." Sie nahm den jungen Priester bei der Hand und zog ihn fort von seinem Freund, hin zum Stein, wo sie sich niederkniete und Tiscio deutete, es ihr nachzutun. Über dem Stein fassten sie ihre Hände und Vilet intonierte Verse aus Worten, deren Sprache nicht einmal Unterschnitt erkennen konnte.
Nach einer Zeit, die Gunnar wie eine halbe Ewigkeit vorkam, explodierte plötzlich der Stein. Die Plötzlichkeit wurde noch dadurch unterstrichen, dass keiner mehr damit gerechnet hatte, dass etwas geschehen würde.
Es flogen jedoch keine Splitter und Steintrümmer herum. Stattdessen bildete sich aus dem Steinstaub eine Wolke über und um die Stelle herum, an der zuvor der Stein gelegen hatte. Gleich darauf erschienen Bilder in dem Staub, zuerst von Unterschnitt, wie er in dem dunklen Raum stand, ein seltsamer, unmöglicher Spiegel der Etage. Anschließend war die Leiche eines Mannes zu sehen, den die Feldstraßler nicht erkennen konnten, aber sie begriffen, dass er derjenige war, der den Stein vor Herrn Unterschnitt berührt hatte. Als nächstes erschien ein Bediensteter, der gerade mit einer Bedpfanne in den Händen über eine Dienstbotentreppe hinaufstieg. Vilet brachte erneut ein paar Wörter in der unbekannten Sprache hervor und sie folgten dem Diener in das Zimmer seiner Herrschaft. Sobald der Mann im Bett sichtbar wurde, ließ sich Unterschnitt hören: "Herr Ganalan."
"Der Ratsherr?" fragte Linnbeth.
"Ja. Und es würde passen. Es ist nicht weitläufig bekannt, aber er ist ein Dämon, wobei nicht ganz sicher ist, ob er schon immer einer war, oder ob er erst durch einen Pakt zu einem geworden ist. Ich habe es herauszufinden versucht und mir dabei seine Feindschaft zugezogen."
"Hatten sie‘s jetzt auf Sie oder auf Walde abgesehen? Is' Walde sicher?" Malandro hatte sich inzwischen wieder ein wenig beruhigt. Auch schien sein Kopf von dem kleinen Streit mit Tiscio wieder ein klarer zu sein.
Es schien, als wollte Unterschnitt Malandro antworten, Vilet kam ihm jedoch zuvor: "Walde. Natürlich Walde. Und sie ist jetzt sicher. Sie ist gut darin, auf sich selbst aufzupassen, wenn andere auf sie hören." Sie sah Tiscio nicht an, er konnte trotzdem nicht in ihre Richtung blicken und wandte sich der Treppe zu, wo er gegen seine Tränen ankämpfte, während die anderen sich anlächelten, weil sie endlich einen Hinweis auf den Urheber all jener Verbrechen der letzten Tage gefunden hatten.
"Das ist sehr schön. Ich danke euch, Frau Freifrieder." Trotz seiner Worte klang Herr Unterschnitt nicht so glüglich, wie es die anderen waren.
"Was hast du Apfelhelm? Stimmt etwas nicht?"
"Nein, es ist gut, dass wir jetzt endlich etwas besser wissen, mit wem wir es zu tun haben. Leider können wir mit dieser Information nicht allzu viel anfangen."
Vilet ließ Tiscios Hände los und der Steinstaub sank zu Boden. Sie wandte den Kopf zu dem großen Mann und ihre Blicke trafen sich. Sie bewegte nur einmal den Kopf nach unten und wieder hoch.
"Ich habe von ihm gehört. Er scheint sehr Einflußreich zu sein."
"Das kann ich bestätigen. Es wird schwer, an ihn heranzukommen und ohne einen Beweis wird uns niemand glauben." Er sah zu einem der Fenster, welche nur spärlich von den vergammelten Fensterläden bedeckt wurden. Es lag in der Richtung, in die der Stein gezeigt hatte.
"Vielleicht würden uns sogar einige Menschen glauben, aber Frau Freifrieder würde erneut im Gefängnis landen und der Rat hätte trotzdem keine Möglichkeit, Herrn Ganalan anzuklagen. Beweise, die auf Magie beruhen, werden kaum Berücksichtigung finden. Und wir wissen nicht einmal, ob er tatsächlich der Anführer ist oder nur ein weiterer Handlanger."
"Gibt es nicht vielleicht noch weitere Stellen, wo Nachrichten ausgetauscht wurden? Vielleicht können wir mit Magie ...?" Die Ungeheuerlichkeit, seine Hoffnung auf Magie und nicht auf die Technik oder wenigstens Hetrados zu setzen, ließ Gunnar verstummen.
"Dies ist die einzige, von der wir wissen."
"Könnten se ihn nich' töten, Frau Freifrieder?"
"Nein, Malandro. Ich könnte ihn vielleicht bannen, aber meine Macht ist beschränkt. Wenn in diesem Haushalt noch mehr Dämonen leben, werde ich sie nicht alle bannen können."
Aber Malandro ließ sich nicht so leicht entmutigen: "Herr Unterschnitt, sie ham uns doch vorhin mit so nem Zauber verborg'n. Könnt'n sie nich' auch Frau Freifrieder?"
"Es stände durchaus in meiner Macht, die verehrte Frau Freifrieder unsichtbar zu machen. Leider können wir uns nicht sicher sein, ob die Dämonen sie nicht mit ihrer eigenen Magie entdecken würden. Sollten wir versuchen, ihn direkt in seinem Haus anzugreifen, bestünde darüber hinaus die Gefahr, dass wir nicht einmal zu ihm vordringen würden. Er ist sehr gut geschützt." Etwas geistesabwesend fügte er hinzu: "Man müsste einen Auftragsmörder schicken, der sich mit so etwas auskennt."

Die Kinder aus der Feldstrasse, 05