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Xpoch 1860

Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 56


Der nächste Tag war noch langweiliger als die vorigen, was durch Gunnars Ärger akzentuiert wurde. Erneut hatte man seine Bitte abgelehnt, die Bibliothek besuchen zu dürfen.

Dafür begann der Tag darauf mit einer netten Überraschung: Sie erhielten eine zweite Führung durch die Stadt, dieses Mal mit einem richtigen Stadtführer - natürlich zusätzlich zu ihren Wächtern, einer für jeden von ihnen.
"Und das ist der Turm des Nerium."
"Schön ...", setzte Tiscio an.
"... noch ein Turm", beendete Malandro den Satz, mit den Worten, die offensichtlich auch seinem Freunden durch den Kopf gegangen waren.
"Und was war so besonders an diesem Nerum?" fragte Gunnar, dessen grundlegendste Charaktereigenschaft trotz der Ödnis der Stabführung immer noch Neugier war.
"Nerium. Er war ein Stadtherr, der einige Gesetze zur Besserung des Abwassersystems vorangebracht hat. Sie müssen nämlich wissen, dass wir in diesem Krater, in dem Torath nun einmal gebaut wurde, immer große Probleme mit Überschwemmungen der Straßen und natürlich auch der Keller hatten. Nerium nun unterstützte den Bau eines verbesserten Abwassersystems mit eigenen Mitteln, was ihm letztendlich das Recht einbrachte, seinen eigenen Turm zu bauen, begrenzt auf eine Höhe von 82 Fuß. Die zusätzlichen sieben Fuß, die der Turm in der heutigen Zeit hat, stammen aus der Zeit seines Enkels, der sich im Krieg gegen Gnemiar verdient machte."
"Grabenschleim, das ist nicht auszuhalten", schrie Tiscio bei den letzten Worten des Führers aus. Er konnte später nicht erklären, warum ihn das Geseiere des Mannes so aufgebracht hatte. Vielleicht war es eine Erinnerung gewesen, an den langweiligen Unterricht seiner Lehrer, die ihn an seine Heimat hatten denken lassen. Oder die ganzen Geschichten, die ihm nichts bedeuteten, die er aber kennen sollte, damit er sich in seiner neuen Heimat einleben konnte. Möglicherweise spürte er in diesem Moment, unter den gewaltigen Türmen, den Druck, der immer noch auf den dreien Lag.
Es konnte aber auch sein, dass es nur der letzte Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Mit einem Wutschrei rannte er los, ohne Ziel, ohne ersichtlichen Grund, ohne Verstand.
Es dauerte einen Moment, bevor irgendjemand reagieren konnte. Der erste war tatsächlich der Stadtführer, der Tiscio verwirrt hinterherrief: "Halt! die Tour geht in die andere Richtung", und dabei zwischen zwei Türme zu seiner rechten deutete.
Malandro und Gunnar waren zu entsetzt, um überhaupt zu begreifen, was gerade passierte.
Als jedoch Tiscios Wächter zu seiner Trillerpfeife griff und ihr schriller Klang durch die Straßen auf den Platz hinaus schallte, wurden sie aus ihrer Starre gerissen. Malandro verlagerte bereits sein Gewicht, um seinem Freund hinterher zu rennen, als ihn eine Hand auf seiner Schulter daran erinnerte, was für eine Dummheit das sein würde. Er blickte sich um und sah in das versteinerte Gesicht seines eigenen Wächters.
So konnten die beiden Xpochler nur zusehen, wie ihr Freund wenig später, gerade als er das andere Ende des Platzes erreichte, von zwei weiteren Wächter gestellt wurde. Anfänglich versuchten sie ihn nur festzuhalten. Doch sobald sie ihn anfassten, begann der Fliehende um sich zu schlagen. Ein unglücklicher Hieb traf einen der Wächter am Kehlkopf und er ging zu Boden. Wenige Herzschläge später erschienen weiterer mit Schlagstöcken bewaffnete Männer und droschen auf den bald wehrlosen Mann ein, bis dieser ohnmächtig wurde.
Als letztes hörte Tiscio noch, wie seine Freund die Wächter anflehten, von ihm abzulassen, bevor er das Bewusstsein verlor.

Tisco erwachte in einem hell erleuchteten Zimmer. Er fühlte sich orientierungslos, wozu die dröhnenden Kopfschmerzen wenig beitrugen. Sie waren es auch, die ihn anfangs davon abhielten, die Schmerzen im Rest seines Körpers zu bemerken. Mühsam drückte er seine Augenlieder auf, was er aber sofort bereute.
Das erste, was er durch seine geschwollenen Augen sehen konnte, war ein Wächter, der sich über ihn beugte und ihn hasserfüllt anstarrte.
"Er ist wach", stellte der Mann knurrend fest, woraufhin er ihn anspuckte und den Blick auf einem anderen Manne frei gab. Tiscio konnte ihn jedoch nicht richtig erkennen, da er augenblicklich von ihm einen Schlag ins Gesicht erhielt.

Als er das nächste Mal wieder zu sich kam, war er alleine und hatte genügend Zeit, um den Schmerz am ganzen Körper zu spüren. Nicht nur sein Kopf pulsierte in einem regelmäßigen Rhythmus der Agonie. Auch sein Rücken, sein Brustkorb und eines seiner Beine schmerzten. Aber am schlimmsten taten ihm die Arme weh, die er kaum anheben konnte. Nach einem unerwartet großen Kraftaufwand gelang es ihm, seinen Kopf und beide Arme leicht anzuheben, bis er erkennen konnte, dass sie geschient waren.
Also gebrochen. Er stieß ein verzweifeltes Stöhnen aus, wobei die Luft, die dabei aus seinem Mund entwich, ihn auf einen weiteren Schmerz aufmerksam machte. Seine Zunge fand schnell den Ursprung und ritzte sich leicht auf an den Überresten eines ausgeschlagenen Zahns.
So lag er für die nächsten Stunden in dem Bett, ohne sich wirklich bewegen zu können, was tatschlich weniger an den Verletzungen als an den Gurten lag, die seinen Oberkörper an das Bett banden. Diejenigen, die ihn hier festgeschnallt hatten, hatten sich nicht die Mühe gemacht, seine Arme zu fixieren. Was hätte er auch derzeit mit ihnen anstellen sollen?
Irgendwann erschien ein Pfleger und half ihm, sich zu erleichtern, was trotz des Überdrucks, den er zu diesem Zeitpunkt gefühlt hatte, eine weitere erniedrigende Erfahrung für ihn war. Da machte der Umstand, dass er anschließend ohne ein Wort gefüttert wurde, kaum noch etwas aus.
Die Nacht war wenig besser und er bemerkte nicht einmal, dass er zwischendurch immer wieder eingeschlafen war.
Die folgenden Tage schwelgte er in einer Mischung aus Selbstmitleid, Schmerz und Selbsthass, weil er sich und seine Freunde in eine unmögliche Lage gebracht hatte. Nahezu unerträglich wurde es jedoch erst, als erkennen musste, dass sie ihn nicht besuchen würden. So blieb ihm viel Zeit zum Nachdenken.

"Was ist ihnen bloß durch den Kopf gegangen?"
Malandro wollte gerade einwerfen, dass nur Tiscio über die Stränge geschlagen war, als Kol Therond bereits die Hand hob und seine Tirade der letzten fünf Minuten fortsetzte. "Ich will keine Entschuldigung hören. Herr Canil ist ihr Freund. Sie waren die gesamte Zeit mit ihm zusammen. Sie hatten nichts anderes zu tun, als miteinander zu sprechen. Sie kennen sich seit ihrer Kindheit", jetzt wollte Gunnar etwas einwerfen, brachte jedoch kein Wort heraus, bevor der Wortschwall erneut über sie hinweg schwappte. "Ihr hättet ihn abhalten sollen. Und wenn ihr ihn selber niedergeschlagen hättet. Irgendwas. Und jetzt! Jetzt werden sie euch noch einmal befragen. Dieses Mal werden sie nicht so zuvorkommend sein. Sie werden euch zerpflücken. Sie werden Magie verwenden. Und dem könnt ihr nicht widerstehen. Und dann ..."
"Dann müssen wir getze was tun", brachte Malandro endlich ein paar eigene Worte hervor.
"Was?"
"Ich hab' 'ne Idee." Malandro ging einmal um den Botschafter herum. "Das könnte geh'n."
"Was beabsichtigen sie, zu tun?"
"Malandro? Sag schon."
"Ich hab‘ da 'nen Zauber ... und ich habe Durchfall." Der Feldstraßler grinste. Gleich darauf bewegte er seine Hände und murmelte ein paar Worte, die Gunnar als jenes Geplapper erkannte, welches kein Mensch bei klarem Verstand zur Kommunikation verwenden würde.
Einen Augenblick später zog ein Schimmern über Malandros Körper und verwandelte ihn innerhalb eines Augenaufschlags in das Abbild des Botschafters.
"Ich bin überrascht, dass sie diesen Zauber beherrschen, aber was hoffen sie damit zu erreichen."
"Ach, ist nur eine kleine Illusion", grinste Malandro. "Aber es reicht, um kurz hier rauszugehen, um mich auf dem Balken zu erleichtern."
Gunnars Gehirn lief zu Hochtouren auf, bis er den Plan seines Freundes erriet. Du willst das Horn rausbringen, im Abort verstecken und der Botschafter holt es sich danach wieder raus."
"Clever, nich'?" sagte Malandro, kramte das Horn aus dem Spint und verließ den Raum, während ihm zwei sprachlose Beobachter dabei zusahen.
"Ich kann tatsächlich derzeit nicht erkennen, was an diesem Vorgehen so clever ist. In der Tat hätte ich das Horn eigenhändig mit hinausnehmen können, ohne es zuvor in Exkrement eintauchen zu müssen."
"Ich habe auch einen Moment gebraucht. Aber so ist es besser. Sie haben keine Tasche dabei und unter seinem Zauber verbirgt sich das Horn von selbst. Und wenn sie nachher noch mal auf den Abort gehen, dann können sie was aus ihrer komischen Kutsche mitnehmen, und das Horn wieder rausholen."
"Das setzt natürlich voraus, dass ich eine Tasche mit mir führe."
"Haben sie eine?"
"Ja, natürlich. Aber das ist nicht, was ich meine. Wie kann er eine so risikobehaftete Handlung initiieren, ohne uns zu konsultieren."
"Wahrscheinlich, weil wir ihnen, seitdem sie hereingekommen sind, nur zugehört haben und er hatte keine Lust mehr, zuzuhören."
"Ah ... so."
Viel mehr Worte wurden nicht mehr gewechselt, bis Malandro zurückkehrte. Und auch danach reichte es für kaum mehr als die Verabschiedung und eine vage Verständigung darüber, dass das Horn wohl zur Frühlingskönigin gebracht werden würde, wie immer dies auch geschehen sollte.
Obwohl die beiden ab diesem Zeitpunkt keinen Einfluss mehr auf das Schicksal des Horns hatten, konnten sie die Gedanken an das Artefakt auch die nächsten Tage nicht loslassen, schon, weil sie nicht sicher sein konnten, ob Kol Therond es tatsächlich geborgen hatte.
Allerdings hatten sie fürs erste kaum Gelegenheit, sich Sorgen zu machen, zumindest nicht über das Horn. Denn kaum war der Botschafter von dannen gezogen, erschienen vier Wachen, die erheblich senioriger und griffiger wirkten, als diejenigen, die ihnen nacheinander zugeteilt worden waren. Die einzigen Worte, die sie überhaupt in Richtung der Xpochler verloren, gehörten zu dem Befehl, sich mit gespreizten Beinen und Gesicht abgewandt an die Betten zu stellen.
Die beiden konnten hören, wie hinter ihnen alles ausgeräumt wurde. Und als sie schließlich in Handschellen herausgeführt wurden, konnten sie sehen, dass vermutlich selbst der Staub aus ihren Schränken in den Säcken steckte, die zwei der Wächter über ihre Schultern geworfen hatten.
Erneut fuhren sie in einer pferdelosen Kutsche, dieses Mal jedoch ohne einen Blick nach draußen werfen zu können. Anders als in Xpoch hatten Gefängniswagen nicht einmal kleine Luken mit Gittern, um Licht hineinzulassen.
Sie waren mehr als ein wenig erleichtert, als sie nach einem langen Aufstieg in einem stickigen Treppenhaus in eine kleine Wohnung mit kunstvollen Metallgirlanden vor den Fenstern gebracht wurden, von dem aus sie auf einen Hinterhof blicken konnten. Es war insoweit besser als ihre Stube in der Kaserne eingerichtet, dass es alle Annehmlichkeiten einer einfachen Arbeiterwohnung besaß. Aber das war es auch. In deutlichen Worten wurde ihnen mitgeteilt, dass sie bis auf weiteres in diesem Zimmer bleiben würden. Jeglicher Ausgang war untersagt worden und sollte einer von ihnen die Flucht versuchen, würde man sie wie Verbrecher jagen.
Sobald sie wieder alleine waren, sah sich Gunnar in dem größeren der beiden Zimmer um und entdeckte ein paar Bücher in einem Regal. Er hatte wenig Hoffnung, als er einen der dünnen Einbände herauszog, aber selbst diese wurde enttäuscht.
Ein Liebesroman.
Und so wie die Situation aussah, würde er ihn lesen.
"Das ist doch viel besser hier, als in der Kaserne. Wir brauchen uns auch gar keine Gedanken mehr zu machen, was wir jeden Tag machen könnten." Er drehte sich zu Malandro um und zeigte ihm das Buch: "Außerdem habe ich endlich was zu lesen." Sein säuerlicher Gesichtsausdruck entsprach dem Ton seiner Stimme. Er stellte das Buch zurück und sah sich erneut im Raum um. Es gab ein Etagenbett und ein alleinstehendes Feldbett, welches zwischen ein zur Seite geschobenes Regal und einen kleinen Schrank gequetscht worden war. Der zweite Raum war eine kleine kombinierte Küche und Toilette, was einerseits ziemlich eklig war, aber andererseits auch Sinn ergab. Sie wollten ihren Scheiß nicht dort haben, wo sie schliefen und es war nicht so, als wenn sie großartig Kochen würden.
"Wie kommen wir hier raus?" fragte Malandro hinter ihm, während er einen Blick über Gunnars Schulter in den stinkenden Raum warf.
"Nicht viel, was hier rumliegt. Nichts, woraus ich was bauen könnte."
Malandro ging zu einem der Fenster. "Fällt vermutlich auf, wenn wir die rausbrechen, nich'?"
"Hey, sie haben uns was zum Kochen hingestellt?"
"In die 'Küche'?"
Gunnar zog die Schultern hoch und machte genau das, was er in der Küche nicht hatte machen wollen. Er kochte.

Die Jungen aus der Feldstrasse