Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 34


Gunnar war der erste, der seinen Kopf aus dem Brunnen steckte. Was er sah, ermutigte ihn nicht gerade in der Annahme, dass sie den Botschafter schnell oder auch nur unbemerkt finden würden. Der Innenhof war groß, die Mauern stark, auf allen Seiten Türme oder Wehrgänge, allsehende Fenster von den Gebäuden, die sich zwischen die Mauern und die freie Fläche quetschten. Aber glücklicherweise war derzeit kein einziger Soldat oder anderes Personal der Burg in Sicht. Er kletterte hinaus und sorgte gleich mit seinen ersten Schritten dafür, dass seine Annahmen bestätigt wurden.
Er stolperte und fluchte laut, bevor er sich an einer Wand fing. Tiscio, der direkt hinter ihm aus der Tiefe auftauchte, sprang sofort in Deckung, indem er sich zu Boden fallen ließ und ebenfalls zur Wand robbte. Verzweifelt winkte er zum Brunnen, wo Malandro kurz seinen Kopf über den Rand hob und sofort wieder verschwand.
Von einer der Plattformen über ihren Köpfen hörten sie ein paar Rufe in der Sprache der Menschen dieses Landes, verstanden aber kein Wort. Jemand antwortete und es entspann ein kurzes Gespräch, bis sich die Stimmen über ihren Köpfen wieder ein wenig entfernten und schließlich verstummten. Malandro wagte einen Blick. Wenig später kauerte die gesamte kleine Gruppe unter einem der Fenster des Innenhofes. Vorsichtig warf Malandro einen Blick in den Raum und entdeckte zehn oder zwölf krude Betten, mindestens drei von ihnen belegt.
"Ein Schlafsaal. Drei Wachen oder so", flüsterte er den anderen zu, die nur nickten. Tiscio deutete auf eines der Fenster auf der anderen Seite. In einer sauberen Reihe, die jeden Zuschauer erheitert hätte, krabbelten sie hinüber. Dabei kamen sie an einem geschlossenen Tor vorbei, welches sie jedoch nicht zu öffnen wagten. Es hätte zu viel Lärm gemacht und es war unmöglich, etwas dahinter zu hören.
Also warfen sie einen Blick in das nächste Fenster. Ein weiterer Schlafsaal, aber dieses Mal konnten sie nur einen Schläfer entdecken.
Es war nicht wirklich eine Entscheidung, mehr ein Schulterzucken, denn allen war bewusst, dass sie nicht mehr lange in diesem Hof bleiben konnten. Also öffnete Mal die Tür und schlich sich hinein, gefolgt von den anderen.
Leider hatte sich der Wächter gerade erst schlafen gelegt und drehte sich zum Eingang, um seine Kammeraden zu begrüßen. Gemessen an dem, was man andernorts von Wachen hörte, reagierte er geradezu vorbildlich und schrie sofort sein Alarum.
Malandro reagierte sofort und versuchte ihn mit dem ambarischen Handschuh zu betäuben. Leider entlud sich die erste Ladung im Bettgestell, als der Mann ihn mit dem Bettlaken abwehrte. Erst sein zweiter Angriff schickte den Mann zuckend zu Boden. In diesem Moment waren die anderen bereits in den Raum gestürmt und hatten die Tür wieder hinter sich geschlossen.
Von einem Stockwerk über ihnen waren Stimmen und Schritte zu hören. Tiscio und Gunnar öffneten vorsichtig die nächste Tür und fanden ein Turmzimmer mit einer Treppe nach oben. Gerade als sich wieder abwenden wollten, hörten sie Schritte auf den Stufen.
Ein kurzer Blick genügte und sie postierten sich im toten Winkel der Treppe. Malandro gesellte sich zu ihnen, während Wachtmeister Wintur im Schlafsaal blieb, um den Eingang im Auge zu behalten.
Hätten sie ein wenig darüber nachgedacht, was gerade im Begriff waren, zu tun, sie wären vielleicht einfach wieder in den Brunnen gesprungen. Hier waren sie zu dritt, jung und was Kämpfe anging unerfahren, wenn man von den regelmäßigen Schlägereien auf der Straße absah. In den Händen hatten sie die Knüppel, die sie von dem Fremden erhalten hatten, als Rüstungsschutz nur mehrere Lagen dicken Stoffs. Und sie warteten auf professionelle Soldaten, die, wie sie allzu bald entdecken sollten, Brustpanzer und Helm trugen und dazu mit Kurzschwertern bewaffnet waren. Männer, die jeden Tag trainierten, um mit ihre Waffen zu meistern, und nicht vor wenigen Stunden zum ersten Mal Schädel mit Keulen eingeschlagen hatten, selbst wenn diese Schädel zu wandelnden Skeletten gehörten.
Zu allem Unglück verloren die drei auch noch komplett den Vorteil, den ihr kleiner Hinterhalt ihnen hätte geben müssen. Ihre Waffen berührten die Gegner nicht einmal oder knallten wirkungslos gegen die Rüstungen, bevor diese das Erdgeschoss erreichten. Aber anscheinend machten eine Überzahl, jugendlicher Übermut, die Schule ihrer Heimat und ein riesen großer Haufen Glück alles wieder wett. Der erste Streich gelang Tiscio, der einen der beiden auf den Schwertarm hieb, dafür von diesem aber noch den Knauf seines Schwertes an den Kopf bekam. Der zweite verfehlte nur knapp Gunnar. Abgelenkt wie er war, konnte Mal ihm ein wenig ambarische Kraft in den Körper jagen, so dass er noch im Stehen zu zucken begann, bevor er zu Boden fiel.
Der andere, der sich gerade etwas zurückziehen wollte, wurde von Tiscio mit einem Schlag gegen sein Schienbein zu Boden gebracht, was die unglückliche Folge hatte, dass Gunnar ihm den Schädel einschlug, da er seinen Hieb nicht mehr abbremsen konnte.
Es blieb jedoch keine Zeit, sich auszuruhen oder auch nur entsetzt auf den Toten zu schauen, denn schon erklangen Kampfgeräusche aus dem Schlafsaal, wo sie den Wachtmeister mit dem wiedererwachten Wächter im Zweikampf fanden. Sie kamen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie Wintur am Hals verletzt wurde, woraufhin Tiscio ihn so schwer vor der Brust traf, dass er dieses Mal nicht mehr aufstand.
Schwer atmend blickten sie sich noch einmal, sahen das Blut an ihrer Kleidung, das Chaos, welches sie angerichtet hatten und entschieden ohne ein weitere Wort zu verlieren, in das nächste Stockwerk zu flüchten. Zwei waren heruntergekommen und niemand war ihnen trotz des Lärms gefolgt. Von draußen hingegen waren Rufe und Getrampel zu hören, was ihre Alternativen einschränkte.
Also liefen sie die Treppen hinauf. Sie taten dies mit dem Gefühl, dass in einer Burg die Gefängnisse garantiert im Keller sein mussten. "Verlies" war das Wort, welches bei ihnen im Kopf herumschwebte. Aber die Treppe ging nur nach hinauf.
Turmzimmer, angrenzender Speisesaal, leerer Schlafsaal, kleiner Flur, Raum für Raum durchquerten sie diesen Teil der Burg, immer mit einem Ohr auf mögliche Verfolger und dem anderen auf das, was sie im nächsten finden mochten.
Schließlich stießen sie auf den nächsten Schlafsaal. Diesmal lagen zwei Männer in ihren Betten. Die Atemgeräusche ließen vermuten, dass sie schliefen. So leise wie möglich schlichen sie durch das Zimmer und aus der nächsten Tür hinaus.
Aber wie bei so vielen anderen Momenten in diesem Unterfangen stand auch in diesem das Glück nicht auf ihrer Seite.
In der Hoffnung, in den Keller zu gelangen, stiegen sie im nächsten Turm die Treppen wieder hinunter, um erneut festzustellen, dass auch diese Stufen im Erdgeschoss endeten. Zusätzlich waren sie offensichtlich nicht so leise gewesen, wie sie angenommen hatten, denn sobald sie unten waren hörten sie die Schritte von Verfolgern aus dem ersten Stockwerk zu ihnen aufschließen.
Der Kampf war schneller vorbei als der vorherige. Tis tötete einen der schlaftrunkenen Wächter, bevor er von dem anderen niedergestreckt wurde. Malandro wiederum schaltete diesen aus. Hektisch verband Gunnar seinen verletzten Freund. Die Blutungen stoppten, aber die Verletzung im Unterleib war so schwer, dass er immer wieder das Bewusstsein verlor und auf keinen Fall alleine gehen konnte.
Die drei verbliebenen blickten sich an. Gunnar, dessen Wachstumsschub der letzten zwei Jahren Malandro immer noch überraschte, und der Wachtmeister hoben Tis hoch und schleppten ihn zwischen sich nach oben. Sie brauchten kein Wort darüber zu verlieren, dass sie keine andere Wahl hatten, als ihre "Mission" fortzusetzen. Sie würden kaum ein weiteres Mal die Gelegenheit bekommen, um in diese Burg einzudringen und noch waren sie ihren Verfolgern voraus. Außerdem hatten sie inzwischen zwei Männer getötet, nichts, worauf sie stolz waren, was aber dafür sorgen würde, dass man umso dringlicher nach ihnen suchen würde. Sie würden später noch genug mit diesen Taten zu kämpfen haben. Es machte ihr Anliegen jedoch auch umso dringender.
Da sie im ersten Stockwerk keinen anderen Ausweg sahen, gingen sie einfach die Treppe weiter hinauf, wo sie eine Tür auf die Wehrgänge fanden. Durch einen Spalt in der Tür konnten sie nur eine Wache entdecken, die in den Innenhof hinunterstarrte.
"Mal? Schaffst du das?"
"Wenn der bastige Handschuh funktioniert."
"Hey."
"Nichts gegen deinen Vater, aber heute haben sie öfter nicht gebrutzelt, als dass sie jemanden flachgelegt haben."
"Hier", mischte sich der stets stille Wintur ein und legte Tiscios ganzes Gewicht auf Gunnars Schulter.
"Los!" Er stieß die Tür auf und ließ Malandro auf den Wehrgang rennen, bevor er ihm folgte. Wintur hoffte inständig, dass Malandro dieses Mal mehr Erfolg haben würde, weil er fürchtete, was er sonst tun musste. Diese ganze Mission missfiel ihm, nicht nur, weil sie einem Hügelstätter und dazu noch einem Spion zu helfen versuchten. Es war auch, dass er zu allererst ein Berti, ein Metrowächter war, der sich gezwungen fand, in ein Gefängnis einzubrechen und dabei unschuldige Wächter tötete, die nur ihre Aufgabe erfüllten. Für ihn war es fast so, als würde er seine Kollegen töten, und in genaugenommen war es so.
Trotzdem sprang er Malandro bei, als der Handschuh ein weiteres Mal versagte und schlug dem überraschten Mann den Schädel ein.
Es ging so schnell und lautlos, dass niemand etwas davon bemerkte, weder auf dem gegenüberliegenden Wehrgang noch im Hof.
Tiscio unterhalb der Zinnen zum nächsten Turm zu schleppen gestaltete sich perverser Weise als schwieriger als die Wache auszuschalten - zu ermorden.
Es war fast eine Erleichterung im nächsten Turm anzukommen und die Treppen wieder hinunterzugehen, immer in der Hoffnung auf dieser Seite der Burg endlich einen Weg zu den Verliesen zu finden. Zu ihrer Überraschung und Erleichterung fanden sie sie.

Die Jungen aus der Feldstrasse