Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 13


"Herr Unterschnitt, ich habe eine Frage", durchbrach Tiscio schließlich die Überlegungen der anderen. Der Privatermittler wandte sich dem angehenden Berti zu und nickte auffordernd.
"Wenn wir diese ganzen Formulare und Anträge ausfüllen, ich meine, wenn wir ganz offiziell in die [Hügelstätte] reisen, könnte ich dann trotzdem Probleme kriegen, mit meiner Ausbildung und so, wenn ich überhaupt beurlaubt werde."
"Leider ja, Tiscio. Für gewöhnlich befragen sie deine Verwandten und Freunde, um sich von dir ein Bild zu machen. Bei einem Mitglied der Metrowacht wird das Amt sicher weniger streng vorgehen. Aber selbst wenn du diese Beamten überzeugen kannst, wird immer ein kleiner Fleck des Zweifels auf deiner Akte kleben. Du wirst vermutlich niemals in die höheren Kreise aufsteigen können und jeder Spionageverdacht wird erst einmal an dir hängen bleiben."
"Und wie lange würden wir tatsächlich für diese Reise brauchen", fragte Malandro.
"Hin- und Rückreise zusammengerechnet mit ein wenig Puffer für die Nachforschungen vor Ort, würde ich sagen, etwa einen Monat."
"Dann muss ich gar nicht mehr darüber nachdenken. So lange bekomme ich sowieso keinen Urlaub. Da müsste ich schon offiziell beauftragt werden." Kurz zögerte er, ob er seine Ängste offenbaren sollte, konnte aber keinen Grund finden, es nicht zu tun: "Außerdem will ich meinen Platz nicht verlieren. Ich bin gerne bei der Metrowacht."
"Das ist nur zu verständlich. Niemand verlangt ein solches Opfer von dir."
"Wie wär’s denn, wenn wir die Bertis mit Zaubern austricksen."
"Was schwebt dir vor Malandro?"
"Naja, ich bin ja noch nicht so gut, aber immerhin haben sie mir diesen Zauber beigebracht, der mich anders aussehen lässt. Der kann also nicht so schwer sein."
"Das ist richtig. Es handelt sich nur um ein Trugbild und nicht um eine wahre Verwandlung."
"Ja. Auf jeden Fall könnte man ein Artefakt herstellen, vielleicht eine Nuss. Und wenn man die knackt verwandelt man sich in Tiscio. Ähm, ich meine natürlich, man sieht dann wie Tis aus."
"Einen solchen Gegenstand könnte man tatsächlich herstellen. Aber wie beabsichtigst du damit die Metrowacht zu täuschen?"
"Wir könnten irgendeinen Straßenjungen bezahlen. Tis meldet sich krank und wenn jemand vorbeikommt knackt der Junge die Nuss und all up Stee."
"Unter gewissen Vorbehalten könnte das funktionieren. Allerdings müssten wir eine sehr große Anzahl solcher Artefakte anfertigen. Ein Monat ist eine sehr lange Zeit. Außerdem darfst du nicht vergessen, dass wir hier im Raum recht gelassen mit Magie umgehen, im Königreich jegliches Hexenwerk aber immer noch mit dem Tode bestraft wird. Es wäre also nicht ganz ungefährlich jemand fremden in ein solches Geheimnis einzuweihen."
"Außerdem wohne ich bei Herrn Kargerheim."
Damit war diese Diskussion beendet. denn alle wussten, dass sich der ehemalige Berti niemals auf eine solche Täuschung einlassen würde. Zur Sicherheit fügte Tiscio jedoch noch hinzu:
"Und was können wir da schon erfahren? Die haben das Horn eh nich'."
"Vielleicht", versuchte Malandro dagegenzuhalten, "könnten wir etwas über die Briefe erfahren und warum sie sich überhaupt geschrieben haben, der Professor und der Typ in der Burg."
"Zugegebenermaßen sind wir uns auch noch nicht ganz sicher, ob es bei den Nachforschungen von Professor Ulfhaus tatsächlich um das Horn ging. Noch wissen wir, ob seine Ermordung damit zu tun hat", warf Unterschnitt ein.
"Aber wenn es nicht darum ging, warum sollte er dann ermordet worden sein? Und wenn es darum ging, wie ist der Mörder darauf aufmerksam geworden?"
"Vieleicht könnten wir dem Mann in der Burg wenigstens schreiben", meldete sich jetzt auch Gunnar zu Wort.
"Selbst dann solltet ihr Anträge beim Amt stellen. Immerhin kann man Geheimnisverrat auch per Post betreiben."
"Außerdem wissen wir immer noch nicht, wer der Typ ist", schnitt Malandro auch diesen Faden durch. Gunnar ließ die Überlegungen in diese Richtung fallen und stellte eine Frage, die ihn schon eine ganze Weile beschäftigte, auch wenn er nicht wusste, wie ihm eine Antwort weiterhelfen würde.
"Wann wird die Leiche eigentlich freigegeben?"
"Nächsten Freitag ist die Beerdigung. Ich gehe daher davon aus, dass die Metrowacht den Körper spätestens Mittwoch der Universität übergeben wird, oder wer auch immer Anspruch auf ihn erhebt."
"Würde es uns vielleicht helfen, noch einmal einen Blick auf sie zu werfen?"
"Wenn ich ein Totenbeschwörer wäre, könnte er uns vielleicht selbst seinen Mörder mitteilen. Ansonsten hat vermutlich die Metrowacht alles Menschenmögliche herausgefunden und wir müssten nur an den Bericht herankommen. Allerdings bezweifle ich, dass die Leiche noch Geheimnisse zu offenbaren hatte. Die Wunde und die Verteilung des Blutes ergaben ein klares Bild, auch wenn man natürlich niemals ganz ausschließen kann, dass er zuvor vergiftet wurde." Bei seinen letzten Worten zog sich ein feines Lächeln über Unterschnitts Züge.
"Warum sollte man ihn vergiften und dann erstechen?" wollte Malandro wissen.
"Ja, klingt weit hergeholt. Ich glaube auch nicht daran, aber man kann es ja nie ganz ausschließen, dass ein Mord seltsamer und verworrener ist, als es zuerst den Anschein macht. Denkt euch nichts dabei. War nur so ein Gedanke, der mir einmal in einem Groschenheft angedichtet wurde. Eine viel wichtigere Frage muss ich euch jedoch stellen: Wenn ihr tatsächlich nach dem Horn suchen wollt, dann besteht die Möglichkeit, dass ihr es findet, wie klein sie auch sein mag. Was würdet ihr mit Seklons Horn anfangen wollen, wenn es in eurem Besitz wäre? Schließlich gehen unsere Überlegungen derzeit in die Richtung, dass mindestens eine Partei ebenfalls danach sucht und auch bereit ist, dafür zu morden."
Die Jungen sahen sich überrascht an. Unterschnitt hatte Recht. Darüber hatten sie sich bisher keine Gedanken gemacht. In allen Abenteuergeschichten, die sie bisher gelesen hatten, ging es immer nur darum, den Schatz zu finden, nicht darum, was man anschließend damit anstellte. Tiscio gab schließlich die Antwort eines guten Bertis:
"Wir geben es dem König."
Die Reaktion der anderen war jedoch nicht, was er erwartet hatte.
"Dem König? Und was macht er damit?"
"Und wenn nicht er, dann musst'e doch an seinen Sohn denken."
"Ich halte dies auch für keine gute Idee. Die [Hügelstätte] und Gnemiar würden vermutlich einen Präventivschlag führen, nur um zu verhindern, dass unser Reich eine Armee aus den Ahnen aufstellt."
"Aber wem denn dann?"
"Wie wär's mit Walde?"
"Bist du verrückt, Mal?"
"Walde will doch jetzt schon nichts mehr mit uns zu tun haben."
"Und willst du wirklich einem kleinen Mädchen die mächtigste Waffe in die Hand geben, die das Reich jemals besessen hat? Ganz davon abgesehen, dass es in der Feldstraße leicht gestohlen werden könnte."
"Ist ja gut, hab’s verstanden. Aber was machen wir dann damit?"
"Ich müsst es ja nicht sofort entscheiden, aber ihr solltet es im Hinterkopf behalten. Erst einmal benötigen wir eine Spur, die uns irgendwie weiterführt."
"Ich habe noch eine letzte Frage, Herr Unterschnitt."
"Ja, Tiscio?"
"Könnte der Neuschaffensklub etwas über den Typen in der Burg wissen. Oder über den Mahlstrom? Die forschen doch in alle Richtungen."
"Ich kann es tatsächlich nicht sagen, aber ich könnte versuchen, heute Abend im Klub vorbeizuschauen."
"Du bist Mitglied im Neuschaffensklub?"
"Nur assoziiertes Mitglied, Malandro." Die Jungs hatte inzwischen viel gelernt, trotzdem konnte nur Gunnar etwas mit dem Begriff anfangen. Unterschnitt benötigte nicht lange, um die Frage in den Gesichtern zu entschlüsseln.
"Das bedeutet, dass ich zwar den Klub betreten darf, aber nicht alle Vorteile einer Vollmitgliedschaft genieße. Unter anderem kann ich keine offizielle Eingabe machen. Aber ich werde sehen, was ich erreichen kann."
"Und wie wahrscheinlich ist es, dass man ihnen eine Frage beantwortet."
"Lass es mich so ausdrücken: Es gibt Mitglieder, die mir noch einen Gefallen schulden. Ich denke, es ist sehr wahrscheinlich, dass wir etwas erfahren werden. Und wenn es nur ist, dass die Neuschaffener nichts über den Mahlstrom oder die Trenais wissen, was ich aber bezweifle."

Die Jungen aus der Feldstrasse